Was ist eigentlich 24/7?

Das Stichwort 24/7 ist im BDSM ja fast ein Mythos und ein Kampfbegriff. Für die einen ein absolutes Muss, unter dem BDSM quasi nur Spielerei ist. Für die anderen Horror, bei dem spätestens jeder Spaß aufhört.

Wie so oft im BDSM gibt es aber keine feststehende Definition des Begriffs, nach der sich dann alle richten können. Und so ist es nicht einfach, festzustellen, was denn 24/7 bedeutet. Der Begriff an sich ist eine Abkürzung dafür, dass etwas über 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche andauert.

Im Bezug auf BDSM kann das aber ja nicht bedeuten, dass man so etwas wie eine Session 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche durchzieht. Jeder muss auch mal aus dem Haus, arbeiten, Freunde treffen etc. Jegliche sexuelle Interaktion muss auch mal pausieren und hinter anderen Dingen das Alltags zurückstehen.

Für mich steht 24/7 für zwei Dinge im BDSM. Das Verlassen des rein sexuellen Bereichs und die erweiterte Abgabe von Selbstbestimmung des devoten Parts.

24/7 bedeutet nicht, jeden Tag nackt durch die Stadt zu laufen. Es bedeutet auch nicht, dass der devote Part nicht mehr Luft holen oder auf die Toilette gehen darf, ohne um Erlaubnis zu fragen. Es bedeutet nicht einmal, dass es jeden Tag verzwickte Aufgaben und Regeln gibt, die den Tagesablauf bestimmen.

24/7 bedeutet etwas anderes. Es ist eine Geisteshaltung. Aus meiner Sicht ist 24/7 nicht der Fakt, dass der dominante Part alles und jedes Detail des Lebens kontrolliert und bestimmt. Es ist die ständige Bereitschaft des devoten Parts Eingriffe in die Selbstbestimmung zuzulassen. Und die Bereitschaft des dominanten Parts, auch aktiv einzugreifen.

Wie in meinem Artikel über den Rahmen, in dem wir BDSM leben beschrieben, sollte immer festgelegt sein, wie weit der Eingriff des dominanten Parts gehen kann und wo die Grenzen sind.

Hat man diesen Rahmen festgelegt und ist sich darin einig, dass diese Eingriffe auch ohne Ankündigung im Alltag stattfinden können und sollen, hat man 24/7. Auch dann, wenn man explizit die Zeiten bei der Arbeit ausgeschlossen hat. Auch dann, wenn man andere Dinge, wie Beziehungen zu Freunden, ausgeschlossen hat.

Wie weit man dabei geht ist dann nur begrenzt durch die Lebensumstände und das, was beide wollen. Sollen die Eingriffe sehr weit gehen und sehr tief sein, oder nur wenige Bereiche betreffen? Das wird durch den oben erwähnten Rahmen definiert.

24/7 hat also nichts mit ständiger und dauerhafter Abhängigkeit vom Partner zu tun. Nichts mit Verträgen, die nicht mehr zu lösen sind. Und nichts mit der völligen Aufgabe von Selbstbestimmung.

Auch diese Formen gibt es im BDSM. Sie werden dann aber unter anderen Begriffen zusammengefasst. Dazu gerne mal TPE (Total Power Exchange) oder CIS (Completely Irrevocable Submission) googeln.

24/7 ist nichts, wovor man Angst haben muss. Denn es lässt sich sehr skalieren und dosieren. Wenn man es mit einem vernünftigen Gegenüber zu tun hat (und nur dann sollte man solche tiefgreifenden Dinge angehen), dann kann das sehr spannend sein. Und man kann es im Kleinen ausprobieren und testen, wie gut man zurecht kommt. Und wie weit es Freude macht.

Es gibt also keinen Grund, sofort schreiend davon zu laufen, wenn der Begriff 24/7 beim Kennenlernen irgendwann fällt. Nichts, was dahinter steht, ist per se schlimm und gefährlich.

Wie bei allem im BDSM muss man sich einfach dessen bewusst sein, was man tut. Und man muss vorher ausführlich darüber kommunizieren, was man will und was man auf keinen Fall will. Bei klarer Definition dieser Punkte kann 24/7 eine spannende Bereicherung sein.

Dann ist auch 24/7 kein Mythos mehr und kein Kampfbegriff. Sondern es ist eine weitere Praktik im BDSM und eine Möglichkeit auszuloten, wie weit man gehen will. Wie weit man sich auf diese Form der Sexualität und auf einen Partner einlassen will.

Sicher ist aber auch, 24/7 ist nichts, womit man anfängt. Es ist etwas für Leute, die wissen, worauf sie sich einlassen. Und für Leute, die ihre Grenzen formulieren und setzen können. Denn wenn man das nicht tut, dann drohen eben doch Übergriffe, die man so nicht wollte.

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Aftercare – Auffangen im BDSM

Wir sprachen ja schon drüben bei Lustgewinn darüber. Aber danach haben mich doch einige Fragen erreicht. Also dachte ich, ich schreibe noch einmal etwas dazu.

BDSM kann aus relativ extremen Situationen bestehen. Sei es körperlich oder auch seelisch. Da kann es je nach Vorlieben zu Grenzerfahrungen kommen. Und für manche wird es ja auch dann erst richtig spannend.

Umso wichtiger ist es dann, dass man mit den ganzen Emotionen nicht alleine gelassen wird. Dass man ein Gegenüber hat, das einen auffängt. Dieses Auffangen nennt man Aftercare.

Aftercare beschränkt sich nicht ausschließlich auf das, was NACH einer Session passiert. Wer während einer Session umsichtig ist, der muss vielleicht am Ende gar nicht so viel Aftercare leisten.

Aber üblicherweise ist eben gemeint, sich „danach“ um das Gegenüber zu kümmern. In den meisten Fällen ist das die Aufgabe des dominanten Parts. Dabei helfen, wieder runter zu kommen und im Hier und Jetzt anzukommen.

Und das ist ein vielschichtiges Thema. Denn je nach Situation, je nach dem, was vorher passiert ist, je nach Persönlichkeit von Sub und Dom ist Aftercare etwas völlig anderes.

Die oder der eine Sub braucht es, gehalten und umsorgt zu werden. Andere gehen aus einer ähnlichen Situation beschwingt und wie auf Wolken heraus. Wieder andere mögen es am liebsten, wenn man hinterher zwar redet, aber nicht zwingend alles Passierte noch einmal durchkaut.

Es kann auch sehr darauf ankommen, wie intensiv es wird. Fließen zum Beispiel Tränen, dann kann das ein Zeichen dafür sein, dass eine Grenze erreicht ist und man abbrechen sollte. Es kann aber auch ein Zeichen sein, dass einfach Emotionen frei werden und man kann weiter machen. Kennt man sich nicht so gut, muss man nachhaken und sich kümmern. Kennt man sich, kann man womöglich bedenkenlos weiter machen.

Ein Beispiel. Ich habe mal eine Sub geschlagen und sie fing an zu weinen. Ich kannte sie noch nicht gut und bin an sie heran getreten, habe sie gestreichelt und gefragt, ob alles ok ist. Sie sagte ja. Ich fragte, ob ich weiter machen soll. Sie sagte ja. Und ich  machte weiter und alles war gut.

Eine andere Situation, eine andere Sub. Ich habe sie an den Haaren gepackt und sie verbal erniedrigt, sie hat das sehr genossen. Dann habe ich verlangt sie solle sich hin knien und etwas tun von dem ich ehrlicherweise nicht mehr weiß was es genau war. Sie tat es. Erst Minuten später habe ich gemerkt, wie sie unentspannt wurde. Sich verkrampfte. Auf meine Nachfrage konnte oder wollte sie nichts sagen. Erst ein paar Tage später konnte sie erklären, dass sie gemerkt hat wie sie noch nicht bereit sei solche Anweisungen zu bekommen. Sie hatte es gemacht, ohne bereit zu sein und das dann gemerkt. Das löste Unwohlsein aus, das sie aber nicht formulieren konnte. Nicht in dem Moment.

Die Fürsorge oder das Aftercare verlangt es, da umsichtig zu reagieren. Nachzufragen und vorsichtig zu sein. Zumindest, so lange man sich nicht gut genug kennt und sein Gegenüber exakt zu lesen weiß. Natürlich ist es auch Teil des Spiels und des Kicks, über solche Situationen einmal hinweg zu gehen und weiter zu machen. Kennt man sich aber nicht gut genug, ist das extrem riskant.

Vor allem nach einer Session ist es dann aber noch einmal wichtig, zumindest die Möglichkeit anzubieten zu reden, zu kuscheln, zu halten. Je nach Bedürfnis und Persönlichkeit.

Das Bedürfnis, nach emotionalen und intensiven Erfahrungen nicht einfach alleine gelassen zu werden, ist jedenfalls ganz normal. Und das vom Gegenüber einzufordern ist ebenfalls normal und in Ordnung. Wer Dom sein will und Wert darauf legt Sub auch mal wieder zu sehen, sollte das leisten. Wer es nicht tut, riskiert, emotional einiges kaputt zu machen. Ein richtiger Absturz nach einer Session kann Vertrauen in sich und andere über Jahre zerstören.

Und Aftercare nach einer Session verhindert Abstürze nicht generell und zu 100%, aber Aftercare mindert das Risiko, dass es dazu kommt.

Mein Tipp wäre, sprecht das Thema vor einem Treffen an. Fragt, wie das Gegenüber dazu steht. Der Umgang mit dieser Frage kann euch das eine oder andere verraten. Wer darüber oder über eine Frage nach einem Cover lacht oder versucht es einem auszureden, dem sollte man aus dem Weg gehen.

SSC oder RACK? WTF?

Was sind das für merkwürdige Abkürzungen, mag sich der geneigte Leser jetzt fragen. Das ist schnell beantwortet. WTF steht für „What the Fuck“ und heißt so viel wie „Was zur Hölle soll das bedeuten?“.

Bei den anderen beiden Abkürzungen ist es schon etwas komplexer und darum soll es um die beiden hier nun auch gehen.

Im Kern sind beides Philosophien oder moralische Konzepte, wie man BDSM auslebt. SSC steht dabei für „Safe, Sane, Consensual“ (übersetzt „sicherheitsbewusst, mit gesundem Menschenverstand und einvernehmlich“). RACK dagegen steht für „Risk-aware consensual kink“ (übersetzt etwa „Risikobewusster gemeinsamer Kick“).

SSC ist dabei die ältere der beiden Philosophien. Sie besagt im Grunde, dass man BDSM gemeinsam so auslebt, dass alle beteiligten Personen der Überzeugung sind, das was man tut sei sicher. Außerdem, dass man den gesunden Menschenverstand benutzt und natürlich alles einvernehmlich ist.

Da kommen wir aber schon zu den ersten Problemen, die manche mit SSC haben. Einvernehmlich ist noch klar. Natürlich muss alles, was beim BDSM passiert, einvernehmlich sein. Zumindest in einem Metakonsens. Was so viel bedeuten soll, wie „vielleicht habe ich dazu gerade keine richtige Lust, aber ich bin einverstanden, dass Du mich dennoch dazu ‚zwingst'“. Dieser Metakonsens muss immer herrschen. In der Sekunde, wo der Schmerz groß ist, macht er vielleicht keinen großen Spaß. Aber es muss Einvernehmlichkeit herrschen, dass der Schmerz dennoch „OK ist“.

Einvernehmlichkeit ist nicht verhandelbar und immer Grundlage von BDSM.

Was ist aber „sicher“? Was ist mit dem gesunden Menschenverstand noch vereinbar und was nicht? Ist den Partner anderen vorzuführen sicher? Das kann psychologisch zu Problemen und Konflikten führen, die man nicht immer gleich absehen kann.

Ist die Aufnahme von Urin mit dem gesunden Menschenverstand vereinbar? Was ist denn mit Keimen? Ist Natursekt dann überhaupt sicher? Wann ist ungeschützter Verkehr sicher? Wenn alle Beteiligten einen aktuellen Gesundheitstest dabei haben? Sollte man unter Einfluss von Drogen oder Alkohol BDSM praktizieren? Wie sicher ist das dann?

Da können die Meinungen schnell auseinander gehen. Und es genügt dann schlicht nicht, wenn einer der Meinung ist, eine Praktik sei sicher. Wenn einer der Beteiligten etwas für nicht sicher hält oder für nicht mit dem gesunden Menschenverstand vereinbar, dann fällt die Praktik unter SSC für diese Konstellation aus.

SSC ist also eine durchaus sehr sinnvolle Art und Weise, seine BDSM-Vorlieben einzustufen und mit anderen abzustimmen. Aber es ist auch eine Philosophie, die von manchen als sehr einschränkend empfunden wird. Denn wenn man nur tut, was alle als absolut sicher einstufen, dann fällt eben manches weg.

Und da kamen irgendwann Leute auf die Idee, man müsse andere Definitionen finden. So entstand RACK.

Auch in RACK kommt „consensual“, also einvernehmlich vor. Das können wir also als gegeben abhaken. Wo aber liegen die Unterschiede?

Im Grunde setzt RACK mehr auf Eigenverantwortung. Es besagt in etwa: „Ja, wir sind uns bewusst, dass das was wir tun nicht ungefährlich oder schlicht unvernünftig ist. Aber so lange wir das wissen und es dennoch wollen, ist es ok.“.

Nehmen wir ein Beispiel. Ich mag praktische Beispiele. Autofahren ist nur bedingt sicher und in einer Blechkiste mit 200 km/h durch die Gegend zu rasen, würden manche als gegen den gesunden Menschenverstand bezeichnen. Dennoch tun wir es. Wir wissen alle um das Risiko eines Unfalls, nehmen aber dennoch am Straßenverkehr teil.

So gesehen ist Autofahren nicht SSC, aber durchaus RACK. Ok, abgesehen von der Sache mit dem Kick. Aber hey, sogar den haben ja manche beim Autofahren.

Oder um es noch deutlicher zu sagen: wer als Dom seine Sub anderen zur Benutzung überlässt und den anderen Männern dabei erlaubt, die Kondome weg zu lassen, hat den Boden von SSC weit hinter sich gelassen. Weder ist das nach allgemeinem Verständnis sicher, noch mit dem gesunden Menschenverstand vereinbar. Aber unter RACK kann das durchaus dennoch Ok für die Beteiligten sein. Wenn sich alle der Risiken bewusst sind und es einvernehmlich beschlossen haben, dann sollen sie. RACK besagt: ihr müsst wissen was ihr tut.

Und RACK besagt auch, dass alle Praktiken erlaubt sind. Es müssen sich die Beteiligten nur bewusst sein, dass sie ein Risiko damit eingehen. Wichtig ist dabei aber, dass man sich der offensichtlichen Risiken, die durch bestimmte Praktiken entstehen, ebenso bewusst ist, wie der unabwägbaren Risiken.

Noch ein Wort zum Thema Safeword. Ein Safeword ist keine Garantie, aber es ist eine Vorsichtsmaßnahme. Wer ein Safeword weg lässt, der geht damit ein Risiko ein. Auch dieser Tatsache sollte man sich bewusst sein. Und bewusst ein Risiko einzugehen entspricht dann wieder der Definition von RACK. Wer also ohne Safword BDSM praktiziert, der hat SSC verlassen und befindet sich im Bereich von RACK.

Kurz gesagt: SSC ist vielleicht das etwas defensivere und vorsichtigere Konzept. RACK geht mehr Risiken ein und ist offensiver. Beide sollen helfen, sich dessen bewusst zu machen, was man tut oder besser lässt. Und selbstverständlich setzen beide Einvernehmlichkeit voraus.

Es ist wie so oft im Leben. Welche Philosophie oder welches Konzept man verfolgt, muss man selber entscheiden. Die eine Variante bietet vermeintlich mehr Sicherheit, die andere vermeintlich mehr Freiheit. Was für euch der richtige Weg ist, das könnt am Ende nur ihr entscheiden.

Aber eines ist für beide Varianten unabdingbare Voraussetzung: sich vorher Gedanken über das machen, was man will und was man bereit ist mitzumachen. Und egal welche der beiden Philosophien man dann verfolgt, kann DAS zumindest nicht schaden.

Verleihen, Vorführen und Fremdbenutzen

Sie ist fast nackt. Sie trägt nur die Dessous, die ihr Herr ihr bereit gelegt hat. Nun legt er seine Hand zwischen ihre Schulterblätter, spricht ihr leise Mut zu und führt sie in den Raum. In den Raum von dem sie weiß, dass dort mehrere Herren auf sie warten. Herren, die heute Abend mit ihr tun werden, wonach ihnen ist.

So oder so ähnlich fängt eine besonders beliebte Fantasie im BDSM an. Der Herr führt seine Sub anderen Herren vor oder führt sie ihnen gar zur Benutzung zu. Der Herr wacht darüber, dass alles im vereinbarten Rahmen bleibt und die Sub gibt sich hin.

Was ist aber dran an dieser Fantasie? Warum ist sie so beliebt? Und ist es überhaupt in Ordnung, so eine Fantasie zu haben?

Offenbar ist die Fantasie in der Konstellation männlicher Dom und weibliche Sub verbreiteter, als umgekehrt. Warum das so ist, darüber kann ich aber auch nur spekulieren. Daher spreche ich hier der Einfachheit halber von männlichen Doms und weiblichen Subs.

Zuerst einmal zur dritten Frage: ist es in Ordnung, so eine Fantasie zu haben? Und da frage ich wie immer zurück: warum denn nicht? Wem schadet man denn damit? Alle Fantasien sind in Ordnung, die keinem schaden. Wenn man sie ausleben kann und damit keinem weh tut, warum dann nicht? Wenn allen Beteiligten klar ist, woran sie da gerade teilnehmen, dann ist das auch völlig ok.

Wie immer gilt natürlich besonders hier, dass man auf die Gesundheit aller Beteiligten achten muss. Daher sollte hier Schutz selbstverständlich sein. Manchen nimmt das den Spaß gerade an dieser Fantasie. Aber niemand möchte ja russisches Roulette spielen.

Was ist also dran an der Fantasie? Was macht sie so beliebt? Vor allem, was macht sie bei beiden Seiten so beliebt?

Ich denke, für den dominanten Mann ist es einfach eine Form von Macht, die er sonst nicht ausleben und spüren kann. Darüber zu bestimmen, wer seine Sub und/oder Partnerin anfassen, anschauen oder gar sexuell benutzen darf, ist eben sehr selten. Es ist etwas, das ganz tief rührt.

Auf der einen Seite ist es ein „Besitzerstolz“: „Schaut her, das ist meine. Ihr dürft nur schauen, aber ich, ich darf alles mit ihr. Sogar sie euch so präsentieren.“ Damit erhebt man sich über die anderen Beteiligten.

Außerdem ist es die Macht über die Sub. Denn der Dom bestimmt in der Situation so weitgehend, wie es kaum anders möglich ist. Er bestimmt, was mit ihr geschieht und wer etwas mit ihr tun darf. So weit geht Macht über die Sub selten.

Vermutlich spielt sogar noch diese alte Idee rein, dass der die Macht hat, der penetriert. Und wer penetriert wird, ist unterlegen. Dass das in einer emanzipierten Welt nicht stimmt und auch Männer sich penetrieren lassen können ohne an Achtung zu verlieren lassen wir mal Beiseite.

Aber wenn wir diese Idee mit in Betracht ziehen, dann ist natürlich auch der Akt, die Sub penetrieren zu lassen eine Machtausübung. Noch dazu, wenn es durch ihr fremde Mitspieler geschieht. Das erhöht noch den Reiz, erhöht die Auslieferung.

Und da kommen wir auch zu dem Punkt, worin der Reiz für die Sub liegt. Es ist eine Form des absoluten Kontrollverlusts. Aber in einer sicheren Form, denn es passt ja jemand auf. Es passt der Mensch auf, dem sie vertraut und in dessen Hände sie sich gegeben hat. Also ist es ein absoluter Kontrollverlust mit absoluter Sicherheit. Etwas, das eigentlich unmöglich ist.

Selten kann man sich als weibliche Sub wohl umfassend in fremde Hände begeben.

Noch dazu ist es die Erfüllung einer Fantasie, die so verbreitet ist, dass sie fast schon ein Klischee ist: Sex mit einem Fremden. Sicher eine der beliebtesten weiblichen Sexfantasien.

In dieser Variante lässt sie sich ausleben, ohne die Risiken, die andere (Solo-)Varianten mit sich bringen.

Aber auch der Stolz des Doms spielt eine Rolle. Denn so wie es den Dom kickt, stolz seine Sub vorzuzeigen und zu präsentieren, so kann es auch für die Sub ein Kick sein, so stolz vorgeführt und präsentiert zu werden. Dieser Punkt funktioniert in beide Richtungen gleichermaßen.

Auch das Gefühl der Macht funktioniert in beide Richtungen. In der Situation hat ihr Dom große Macht über sie und das berauscht sie ebenso wie ihn.

Diese Fantasie des Verleihens, Vorführens oder Fremdbenutzens kann also für beide ausgesprochen spannend und anregend sein. Es ist kein Wunder, dass sie sich ungebrochener Beliebtheit erfreut und es ganze Parties dazu gibt.

Aber einige Dinge sind zum Ende natürlich zu beachten. Den gesundheitlichen Aspekt habe ich erwähnt und man kann ihn nicht oft genug betonen. Aber auch andere Punkte sind wichtig. Ehe ihr so etwas macht: redet viel darüber. Sprecht euch ab, was ihr erwartet und was ihr auf keinen Fall wollt. In der Situation selber kann dazu keine Gelegenheit mehr sein. Also besprecht es vorher.

Seid euch auch klar darüber, dass das kein Kinderspiel ist. Der große Kick kommt hier daher, dass man mit dem Feuer spielt. Wenn ihr nicht sicher seid, wie ihr damit umgeht dass eure Sub mit anderen Männern Kontakt hat, dann redet lieber noch einmal darüber und überlegt es euch.

Genauso umgekehrt. Wenn ihr nicht sicher seid, wie ihr reagiert wenn euer Dom euch „einfach so“ anderen überlässt, dann redet noch einmal darüber. Vielleicht ist es dann für euch doch nicht das Richtige. Oder noch nicht das Richtige.

Und selbstverständlich: drängt niemanden dazu diese Spielart mitzumachen. Nur wenn beide sich der Risiken bewusst und bereit sind, sollte so etwas in Frage kommen.

Wo fängt BDSM an?

Diese Frage tauchte neulich in einem Forum auf. Und da sich vor ein paar Tagen ebenfalls eine Diskussion ergeben hat, ob denn „sich im Spiel hinknien“ Submission sei, wollte ich zu dem Thema ein paar Worte sagen.

Aber zuerst einmal die Frage: woher kommt die Besessenheit, BDSM zu messen und zu bewerten? Ich kann mir das schwer erklären.

Natürlich ist es sinnvoll, gewisse Sprachregelungen zu finden, um zu wissen worüber man redet. Wenn jemand auf Lack oder Latex steht, dann kann man das mitteilen und das Gegenüber ahnt zumindest, woran es ist. Das hilft. Wenn man sagt, dass man auf Schmerzen, Fesseln oder Unterwerfung steht, dann gibt das auch erste Hinweise. Auf deren Grundlage muss man das Ganze aber dann sowieso diskutieren und sehen, ob es passt.

Gerade für Anfänger scheint es mir aber schwer und dann in der Folge auch sinnlos, klare Rollendefinitionen zu erwarten. Sub, Dom, Bottom, Top etc. Ich habe versucht, das in einem früheren Beitrag etwas aufzudröseln. Letztlich gibt es ja aber keine eindeutigen Definitionen, die weltweit gelten. Eine Verständigung ist da eben schwer.

Es ist so, als wolle man einem völligen Anfänger in diesem Sport abverlangen zu sagen, ob er Rugby League oder Rugby Union besser findet. Ja, genau so habe ich auch geschaut. Oft stehen wir uns also mit zu vielen Kategorien im Weg und sie erschweren den Diskurs, statt ihn wie erhofft zu erleichtern.

Noch schwieriger wird es dann, wenn man jemandem, der etwas auslebt, erklärt, dass das falsch sei, weil es ja gar nicht in die zugeschriebene Rolle passt. Dann wird es absurd. Dort wo man etwas nicht mehr ausleben soll, weil es nicht in die von einer anonymen Masse definierte Verhaltensweise einer „Sub“ oder eines „Doms“ passt, da ist meine Toleranzgrenze erreicht. Macht halt, worauf ihr und euer Partner Lust habt und lasst euch nichts durch irgendwelche Definitionen verbieten.

Was ich damit sagen will: warum erfahrene BDSMer definieren und bestimmen wollen, wo BDSM anfängt, ist mir völlig unklar. Es sei denn, um damit andere auszugrenzen und zu sagen „Das was die machen ist ja gar kein richtiges BDSM„. Was stimmt mit euch Leuten nicht? Fühlt ihr euch so bedroht und unsicher, dass ihr andere ausgrenzen müsst? Dazu sage ich, wie zu jeder Ausgrenzung von Menschen, die nur ihr Ding machen und damit niemandem weh tun: Fickt euch! Kümmert euch um euren eigenen Kram.

So viel zur Frage der Definitionen und Bewertungen, die es im BDSM immer wieder gibt.

Manchmal stellen sich aber auch Anfänger die Frage „Wo fängt BDSM überhaupt an?„. Und da dürfte der Grund dann wirklich oft Unsicherheit sein. Entweder die Sorge, etwas auf irgendeine Weise nicht richtig zu machen oder vielleicht auch zu wenig zu machen, damit es als BDSM gilt.

Solchen Anfängern würde ich gerne zurufen: entspannt euch.

Vermutlich könnte man sagen, dass BDSM dort anfängt wo sich wahlweise entweder Schmerzen und Lust verbinden ODER Fetischklamotten ins Spiel kommen ODER fixiert und gefesselt wird oder oder oder. Eine Begriffsdefinition von BDSM habe ich hier mal gegeben.

Wenn das, was ihr macht, einen dieser Begriffe berührt, dann ist es vermutlich BDSM. Aber letztlich ist das egal. Denn für wen ist es denn wichtig ob das, was ihr macht, BDSM ist?

Für euch selber? Dann könnt ihr einfach selbstbewusst sagen „Das ist mein BDSM und das ist gut so“ (frei nach einem ehemaligen deutschen Politker).

Für andere? Vor wem müsst ihr denn rechtfertigen, ob das was ihr macht BDSM ist? Wen geht das etwas an?

Für andere, die euch sagen, ihr müsstet dieses oder jenes machen, sonst wäre es kein BDSM? Vorsicht! Wer euch das einreden will, der will euch vielleicht einfach nur mit Druck zu etwas bringen, dass ihr nicht wollt. Lasst euch nichts einreden und bleibt dabei, nur zu machen worauf ihr auch Lust habt, und mit dem ihr euch gut fühlt.

Wenn ihr Lust habt, BDSM zu leben, dann macht es. Mit der nötigen Umsicht und ohne unnötige Risiken. Aber macht es. Lasst euch von niemandem einreden, ihr macht etwas falsch. So lange sich alle beteiligten dabei wohlfühlen, ist es ok. Was euch Spaß macht, muss ja keinem anderen gefallen. Wenn ihr für euch kocht und es schmeckt euch, dann ist es ja auch ok. Wenn ihr dann das Bedürfnis habt, etwas anderes auszuprobieren oder neue Rezepte zu lernen, dann könnt ihr euch immer noch nach einem Kochbuch umschauen, das zu euch passt.

Dazulernen und neue Dinge ausprobieren kann man immer. Das schadet auch nicht. Im Gegenteil ist es oft sehr gut. Aber nur dann, wenn ihr das wollt und NICHT, weil euch jemand einredet ihr macht die Dinge falsch, die euch aber gefallen.

Beim Sex geht es nicht darum etwas nach einem Leitfaden zu machen. Es geht darum, dass alle beteiligten Spaß haben und sich wohl fühlen. Darum, dass sich keiner währenddessen oder hinterher schlecht fühlt.

Kurz gesagt: entspannt euch, informiert euch und lasst euch zu nichts überreden, was ihr nicht wollt, indem euch jemand einredet, dass ihr zu wenig oder etwas falsch macht.

Klassische Gebote und Verbote

„Welche Anweisungen oder Regeln soll ich denn meiner Sub geben?“ lautete die Frage, die mich über Tellonym erreichte.

Puh, was soll ich sagen? Kurz eigentlich nur: das, was dir und euch Spaß macht und worauf ihr Lust habt. Tobt euch aus, seid kreativ und findet heraus, was euch kickt. Erforscht und formt euer eigenes BDSM.

ABER, die Frage hat mich dann doch zum nachdenken gebracht. Und ja, es gibt sie natürlich: die Klassiker im BDSM. Regeln, die sich lange bewährt haben, die beliebt sind und gerne benutzt werden.

Also warum nicht mal versuchen, einen kleinen Überblick zu geben? Die All-Time-Favorites sozusagen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit natürlich.

Für die, die sich fragen „Wieso überhaupt Regeln?“, verweise ich auf meinen Artikel „Regeln sind wichtig„. Dort habe ich zu diesem Thema einiges erklärt.

Wie in besagtem Artikel angesprochen ist ein Klassiker natürlich alles, was mit Kleidungsvorschriften zu tun hat. Da sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Keine Slips tragen, keine BHs tragen, nur Netzstrümpfe, nur Slips bestimmter Farbe oder Materialien tragen, nur Hose, nur Röcke, nur Kleider etc. Denkt euch aus, was ihr mögt und was euch gefällt. Und dann formuliert daraus eine Regel. Zu beachten ist hier nur das, was für alle diese Regeln gilt. Sie müssen umsetzbar sein und sie müssen durchgesetzt werden. Denn sonst entsteht schnell Frust.

Eine weitere Regel kann sein, dass Sub Dom nicht ansprechen und/oder überhaupt nur nach Erlaubnis reden darf. Das kann eine wunderbare Form der Reglementierung sein. Es kann dazu dienen ein normales Zusammensein besonders prickelnd zu machen. Allerdings ist hier natürlich Vorsicht geboten. Erstens macht es naturgemäß die Kommunikation schwer bis unmöglich. Das muss man beachten und wollen. Und je nach Persönlichkeit kann es sehr einschüchtern. Wer von sich aus nicht sehr kommunikativ ist, der wird dadurch womöglich endgültig verstummen.

Ähnliches kann man natürlich auch mit einer Variante umsetzen. Sub darf dann Dom nicht direkt anschauen, muss den Blick gesenkt halten. Auch das kann man, wie gesagt, machen. Auch das ist natürlich belastend für die zwischenmenschliche Beziehung und muss dosiert eingesetzt werden.

Sehr beliebt ist auch die Regel, dass Sub sich für Züchtigungen bedanken muss. Als Erniedrigung kann das sehr wirkungsvoll sein. Je nachdem wie hart die Strafe empfunden wurde, wird es noch schlimmer, wenn man sich dafür auch noch bedanken muss.

Besonders spannend wird es natürlich bei der Kontrolle der Sexualität. Wenn Dom diese übernimmt, dann kann die Regel oder besser das Verbot sich zu befriedigen genau richtig sein. Wie bei allen Regeln ist hier natürlich die Möglichkeit Fehlverhalten mit Strafe zu ahnden vorhanden und vielleicht verlockend. Aber wie bei allen Regeln sollte man aufpassen und der Versuchung nicht nachgeben. Regeln sollten ernst gemeint sein und nicht als Vorwand dienen.

Ebenfalls sexuell sind Regeln, die beispielsweise trainieren sollen. Ein Klassiker ist dabei das Training mit einem Plug. Der kann nach genauen Vorgaben regelmäßig tagsüber und im Alltag getragen werden. Ebenso sind bei weiblichen Subs auch Liebeskugeln möglich. Beides kann zur Stimulation und zum Training der Muskulatur verwendet werden. Plugs können da eben benutzt werden um zu dehnen und so anal besser zugänglich zu sein.

Auch die Anrede kann in Regeln gegossen und so genutzt werden um den Umgang miteinander zu regeln. Sowohl Titel wie Herrin, Herr, Master, Mistress oder auch Daddy sind denkbar. Aber auch die Variante, den dominanten Part zu siezen, ist beliebt. Das müssen allerdings auch beide wollen, denn für viele fühlt sich das merkwürdig an.

Wie erwähnt kann das nur ein kleiner Einblick sein und wie ebenfalls erwähnt: seid kreativ. Überlegt euch selber, was für euch passt und was euch gefällt. Wer nicht so gerne selber kreativ ist, der kann sich natürlich hier bedienen. Wobei ich davon nichts erfunden habe. Vieles wird schon seit vielen Jahren abgeschaut. Beispielsweise auch aus Büchern, wie zum Beispiel „Die Geschichte der O„. Auch das ist ok. Niemand muss sich schämen, weil er etwas nachmacht, das irgendwo aufgeschrieben ist. Allerdings sollte man eben auch nichts kritiklos nachmachen. Es muss eben auch zu einem selber, zum Partner und zur Situation passen.

Um auf das konkrete Beispiel des oben erwähnten Romans einzugehen, kann man ja auch nicht erwarten, als Sub in einem Schloss gefangen gehalten und benutzt zu werden, wenn der Partner in einer Zwei-Zimmer-Wohnung lebt. Alles muss eben zu denen passen, die es leben. Wenn das der Fall ist, dann wird es schon gut gehen. Und wenn sich herausstellt, dass es nicht so passt, dann kann man gemeinsam die Regeln ändern. Das kann einem keiner verbieten.

BDSM ist krank!

„Das ist ja widerlich.“, „Nur Perverse mögen sowas.“, „Du solltest zum Arzt gehen.“ usw.

Nicht wenige von uns haben das schon gehört. Und die meisten wissen sicher, dass das Quatsch ist. Aber dennoch leiden viel zu viele Leute unter solchen Vorwürfen.

Fangen wir mal vorne an. BDSM ist natürlich eine Abweichung von der Norm. Das sei zugestanden. Aber was soll’s? Rote Haare und Linkshänder sind auch eine Abweichung von der Norm. Und alle drei Dinge sucht man sich meistens nicht aus. Denn: BDSM ist eine sexuelle Neigung. Was einen sexuell anmacht, kann man sich selten aussuchen.

Und was bedeutet schon „Norm“? Es gibt den schönen Spruch „Esst mehr Scheiße, Millionen Fliegen können nicht irren!“ Und da ist einiges dran. Denn nur weil viele Leute etwas mögen, ist es dadurch nicht besser als Dinge, die nur wenige Leute mögen.

Dann heißt es oft „BDSM ist pervers!“ Ja, ok. Per Definition ist es das. Dann sage ich: willkommen bei den Perversen. Denn auch pervers heißt ja erst einmal nur: abweichend von der Norm. Das hatten wir also schon.

Fakt ist auch, dass der Sadomasochismus im ICD-10 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) gelistet ist. Unter dem Schlüssel F.65.5 wird er dort aufgeführt. In dieser Klassifikation tauchen aber auch unter J.01.0 die Nasennebenhöhlenentzündung und unter  F.10.0 der Alkoholrausch auf.

Im ICD-11, der neuen Version dieser Klassifikation die gerade erarbeitet wird, wird Sadomasochismus vermutlich gar nicht auf auftauchen. Genauso wie andere einvernehmliche Praktiken sollen sie aus dieser Liste ganz gestrichen werden (Quelle: Wikipedia).

Alles in allem also wirklich nichts, durch das man sich um den Schlaf bringen lassen sollte. Im Gegenteil. Ich zitiere hier noch einmal Wikipedia „Im Rahmen der sexualmedizinischen Diagnostik oder der Psychoanalyse wird Sadomasochismus dann als behandlungsbedürftig verstanden, wenn andere beeinträchtigt oder geschädigt werden, die sexuelle Befriedigung ohne sadomasochistische Praktiken erschwert ist oder unmöglich erscheint und bei dem Betroffenen dadurch ein entsprechender Leidensdruck entsteht.“

Also kurz zusammengefasst: BDSM ist nicht die Norm. BDSM ist aber auch keine Störung, wegen der man zum Arzt muss. Es sei denn, man hat selber einen Leidensdruck dadurch, oder andere werden geschädigt. Das ist etwas, das ich unterschreiben würde.

Aber dennoch sieht man sich ja von anderen immer wieder mit den oben genannten Vorwürfen konfrontiert. Die kommen aber meist einfach aus der Ecke, dass eben Dinge, die nicht der Norm oder schlicht nicht dem eigenen Empfinden entsprechen, als „krank“ abgestempelt werden.

Das ist aber schlicht dumm und kommt aus der ganz dunklen Ecke der Vorurteile. Ich selber bin kein Fan von Andreas Gabalier oder von Mallorca-Party-Musik. Aber deswegen qualifiziere ich ja nicht jeden, der das mag, als „krank“ ab. Es gibt einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung, der das mag. Damit muss ich leben. Es gibt aber auch einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung, der BDSM mag. Damit müssen die anderen dann eben auch leben.

Mein Rat an alle, die diese Neigung haben und sich solchen Vorwürfen gegenüber sehen: steht vor euch selber dazu, dass es ok ist, BDSM zu mögen. Das ist es nämlich. BDSM ist wie jede andere Sexpraktik ok, so lange man niemand anderem damit schadet.

Und wenn ihr vor euch selber dazu stehen könnt, dann entwickelt ihr auch die Gelassenheit, diese Anfeindungen an euch abprallen zu lassen. Vielleicht sogar, ihnen offensiv zu begegnen. Das kann aber auch jeder so halten, wie er sich gut damit fühlt.

Dieser Artikel dient explizit dazu, denen Mut zu machen, denen andere Menschen erklären wollen, was ok ist und was nicht. Denen andere erklären wollen, welche sexuellen Neigungen akzeptabel sind und welche nicht. Diese Art von Bevormundung sollten wir nämlich längst überwunden haben.

Jeder darf den Sex haben, der ihm gefällt, so lange er keinem anderen damit schadet.

Und noch ein Satz, den ich schon öfter zitiert habe, aber sehr mag: Pervers ist man erst, wenn man keinen mehr findet, der mitmacht.

Was ich also eindeutig sagen will: nur weil man BDSM mag, ist man noch lange nicht krank. Was ich mit diesem Text NICHT sagen will ist, dass es nicht Menschen gibt, die BDSM mögen und die krank sind.

Dieser Umkehrschluss wäre völlig verkehrt. Natürlich gibt es die. Die gibt es so, wie es sie in jeder gesellschaftlichen Gruppe gibt. Genauso wie es unter Fußballfans beispielsweise Spinner gibt, nette Menschen, Arschlöcher usw. Genauso verhält es sich beim BDSM. Ich würde mal sagen, da sind wir Perversen auch nur ein Spiegel der Gesellschaft.

Geht mit offenen Augen durch die BDSM-Welt. Prüft, auf wen ihr euch einlasst und seid nicht leichtsinnig. Aber lasst euch also nichts einreden von Leuten, die keine Ahnung haben und die es im Zweifelsfall schon für pervers halten, wenn man beim Sex das Licht anlässt.

Rituale im BDSM

Es ist nicht zu leugnen. Rituale sind wichtig im BDSM. Ganz sicher wichtiger, als Außenstehende denken. Rituale bilden oft sogar eine Klammer, die eine ganze BDSM-Beziehung zusammenhält. Also werfen wir einmal einen Blick darauf.

Von welcher Art Ritualen sprechen wir hier eigentlich?

Da gibt es viele. Beispielsweise das berühmte Halsband. Für manche BDSM-Konstellationen ein zentraler Punkt: Sub bekommt von Dom ein Halsband umgelegt. Schon das Aussuchen des Halsbandes ist da sehr wichtig. Es zu überreichen und anzulegen ist dann oft ein Ritual, das beiden sehr wichtig ist. Für manche sogar vergleichbar mit der Eheschließung unter „Vanillas“.

Wiederum andere kennzeichnen mit dem Anlegen des Halsbandes den Beginn einer Session. Bei ihnen wird das Halsband im Alltag nicht getragen. Und wenn es dann angelegt wird, ob von Sub selber oder von Dom, dann kennzeichnet das den Start der Session.

Auch Strafen können ein Ritual sein. Manche sammeln Vergehen und dann gibt es zu festgelegten Zeitpunkten ritualisierte Strafen. Beispielsweise ist ein fester Zeitpunkt vereinbart, an dem Sub weiß, dass die Strafe ansteht. Sub entkleidet sich und bringt beispielsweise den Rohrstock oder was auch immer als Strafe eingesetzt wird. Auch die Vergehen dann noch einmal vorzulesen kann ein Ritual sein, um sich in die Stimmung zu versetzen.

Etwas, das ebenfalls sehr ritualisiert ist, sind Postionen, die einzunehmen sind. Hier nimmt Sub immer wieder die selben Postionen ein, um beispielsweise zu warten, Strafe zu empfangen, oder auch sexuell benutzt zu werden.
Ein gutes Beispiel dafür sind die sogenannten GOR-Positionen, die dem GOR-Universum der Bücher des Autors John Norman entstammen.

In Femdom Beziehungen kann das anlegen und abnehmen eines Keuschheitsgürtels ein Ritual sein, das gemeinsam zelebriert wird.

Warum aber sind Rituale wichtig?

Rituale sind immer wichtig. Vor allem stiften sie Gemeinschaft. Fragt bei jeder beliebigen Religion nach. Die Leute da wissen das sehr genau. Aber auch für Paare stiften gemeinsame Rituale Gemeinschaft. Man tut Dinge gemeinsam. Im besten Fall vielleicht sogar Dinge, die man nur mit diesem einen Menschen tut. Und vielleicht sogar Dinge, die man so noch nie mit jemand anderem getan hat.

Das bindet zwei Menschen aneinander. Und das wollen wir ja im BDSM-Bereich. Zumindest, wenn man auf irgendeine Form von Beziehung hinaus möchte.

Zusätzlich wirken Rituale, die beispielsweise ein Halsband beinhalten, noch auf mehreren Ebenen. Wie gesagt stiften sie ein Zusammengehörigkeitsgefühl und eine Gemeinschaft. Da haben wir also eine psychologische und emotionale Ebene. Weiterhin gibt das Halsband dem Paar aber auch eine physische Ebene. Sub spürt das Halsband und seine Wirkung. Dom kann Sub am Halsband packen etc. So werden also auch die Sinne angesprochen.

Ebenso ist es natürlich mit dem Keuschheitsgürtel oder auch der körperlichen Strafe. Sie wirken auf ganz ähnliche Weise.

Rituale geben auch Struktur. Sie sind etwas, an dem man sich festhalten kann. Zu dem man zurückkehren kann, wenn es in der Beziehung oder im Alltag mal stürmisch ist. Dann können sie Halt geben und helfen, in die Rolle innerhalb der BDSM-Konstellation zurückzukehren.

Ein ganz simples Beispiel dafür sind gemeinsame Essen. Das Frühstück, Mittagessen und Abendessen strukturieren für viele den Tag. Es ist ein tägliches Ritual. Und wenn man die Mahlzeiten gemeinsam einnimmt, dann haben sie eine ähnliche Wirkung, was die Gemeinschaft der Familie oder des Paares angeht.

Sind alle Rituale gut?

Nein, natürlich nicht. Kritiklos die Rituale anderer zu übernehmen ist Unsinn. Sich jetzt eine Liste aus dem Netz zu laden, oder den befreundeten Dom oder die befreundete Sub nach Vorschlägen zu fragen, wäre Quatsch. Jeder sollte sich anschauen, was zu ihm/ihr passt und was in die konkrete Konstellation passt. Eine Spielbeziehung hat andere Rituale als eine BDSM-Konstellation in einer Ehe.

Das Mehrfach erwähnte Halsband passt nicht in jede Konstellation. Aber wenn andere sagen, es passt nicht in eure Beziehung, ihr habt aber Lust dazu: dann macht es.

Man sollte sich anschauen, was einen interessiert und dann ausprobieren, worauf man Lust hat. Und wenn es für euch funktioniert, dann macht es. Siehe dazu auch mein Beitrag zum Thema BDSM als Setzkasten.

Alles, was ich oben über Rituale und ihre positive Wirkung gesagt habe, trifft nämlich nicht zu, wenn man sie sich überstülpt. Wenn man Rituale übernimmt, hinter denen man nicht steht, dann werden sie schnell lästig. Und dann verlieren sie alles, was sie sonst positives bewirken können.

Habt also keine Angst vor Ritualen. Im Gegenteil, nutzt ihre Kraft. Aber nur so, wie es für euch gut ist. Und niemals unreflektiert das übernehmen, was andere euch vorschreiben wollen.

BDSM und Liebe

Für viele Leute scheint es die Gretchenfrage zu sein: muss man sich erst verlieben, um BDSM mit jemandem ausleben zu können?

Jetzt könnte ich es kurz machen und sagen, dass es die einen eben so und die anderen so sehen. Aber hey, wenn ich es mir immer so einfach machen wollen würde, dann würde ich ja keinen Blog schreiben. Also mache ich es mir etwas schwerer.

Auch beim Vanillasex gibt es Leute, die sagen: „Ich kann nur Sex haben, wenn ich mich verliebt habe.“ Und es gibt die, die auch One Night Stands mit Fremden toll finden. Ähnlich verhält es sich beim BDSM. Manche haben Spaß daran, sich auf Fremde einzulassen und andere brauchen viel Vertrauen und Intimität, um sich fallen lassen zu können. So weit sind die Unterschiede zum Vanillasex bei vielen noch nicht sehr groß.

Aber es gibt auch Unterschiede, die die Situation besonders machen. Praktiken, die manchen Leuten im BDSM leichter fallen, wenn sie es mit Fremden zu tun haben oder mit Leuten, zu denen sie keine starke emotionale Bindung haben.

Ich gehe einmal davon aus, dass wir uns über die Graustufen einig sind. Man kann Sex mit der Liebe seines Lebens haben, auch mit völlig fremden und mit Menschen die man mag, aber nicht liebt. Ich definiere das jetzt nicht alles immer einzeln, sondern formuliere da pauschaler.

Beispielsweise ist es für manche einfacher, jemanden zu ohrfeigen, den sie noch nicht lange kennen. Jemanden, mit dem sie vereinbart haben, dass die Praktik gewollt ist, zu dem sie aber keine emotionale Bindung haben. Jemanden zu ohrfeigen, den man liebt, ist für solche Menschen dann deutlich schwieriger.

Auch das Thema Erniedrigung im allgemeinen ist eines, das solche Probleme mit sich bringt. Manche Erniedrigung ist schlicht einfacher durchzuziehen, wenn man keine emotionale Bindung hat. Dass Sub diese Behandlung genießt und will ist dabei dann egal. Wer wirklich liebt, dem wird es nicht gleichgültig sein den geliebten Menschen zu erniedrigen. Und das dann zu abstrahieren und zu sagen „Er oder sie will das“, kann einiges an mentaler Arbeit bedürfen. Manchmal gelingt es auch dann nicht. Je nachdem, wie extrem die gewollte und gewünschte Erniedrigung ist.

Beispielsweise mag es einem Dom leicht fallen, eine Sub als „Schlampe„, „Hure“ oder „Nutte“ zu bezeichnen. Je nachdem, was das gewünschte Wort der Wahl und was der Trigger ist. Wenn sie dann aber die Mutter seiner Kinder ist, fällt es schon schwerer. Das ist menschlich und man sollte als Paar darüber reden warum das so ist und wie man damit umgeht.

Ein weiterer Punkt ist eine Praktik wie Verleih oder Vorführung. In einer Spielbeziehung, in der das Vertrauen groß genug ist und man sich auf so etwas einigt, ist das vielleicht kein Problem. Wenn aber die Gefühle groß sind und man den Menschen liebt, dann ist der Vorgang, diesen Menschen anderen zur „Benutzung“ zu überlassen, plötzlich unerträglich.

In den meisten dieser Fälle liegt das Problem im Kopf dessen, der aktiv ist. Also der Dom hat das Problem und muss sich dem stellen. Entweder er lernt diese Blockade zu überwinden oder er verzichtet auf gewisse Praktiken, oder er lebt sie anderweitig aus.

Ich persönlich finde das nicht problematisch. Denn es gibt ja auch noch die Kehrseite der Medaille. Die Praktiken, die erst dann spannend werden, wenn Gefühle im Spiel sind. Oder die, die besser und vielleicht erst richtig gut werden, wenn die nötige Nähe und Intimität da ist, die sich mit Gefühlen und in einer intensiven Beziehung entwickeln.

Viele D/s-Praktiken sind in einer Spielbeziehung, in der man sich nur alle paar Wochen sieht, einfach nicht machbar. Dinge, die uns an D/s kicken und bereichern, entfalten ihre Wirkung erst, wenn es eine gewisse Routine unter den Partnern gibt.

So verliert man vielleicht etwas, man gewinnt aber auch viel, wenn sich eine Beziehung entwickelt. Was jeder persönlich mag und bevorzugt, ist dann ganz individuell. Die einen wollen den Kick aus dem, was durch emotionale Distanz leichter fällt. Die anderen ziehen ihre Befriedigung aus dem, was durch Nähe und Intimität besser oder erst möglich wird.

Wie immer ist es wichtig, sich darüber klar zu werden, was man selber möchte und was einen reizt. Und dann ist es wichtig, das auch klar zu kommunizieren. Zumindest dann, wenn es Fragen und Differenzen dazu gibt. Denn wahr ist auch: man muss nicht zerreden, was funktioniert.

„Das gehört sich nicht!“

„Das gehört sich nicht!“ oder „So was macht man nicht!“ Das hören wir von Kindheit an. Wir bekommen eingeimpft, was „man“ tun darf und was nicht. Und das nicht nur in der Öffentlichkeit, wo uns jeder sieht. Auch im ganz Privaten gibt es Dinge, die „gehören sich nicht“.

Auch und gerade beim Sex.

Was ist, wenn man sich sexuelle Dinge wünscht, die „sich nicht gehören“? Was ist, wenn man selber moralisch oder aus der Prägung durch die Erziehung im Elternhaus Probleme damit hat, gewisse sexuelle Wünsche auszuleben?

Und da kommt bei manchen BDSM ins Spiel. Denn wenn man in der submissiven Rolle ist und bekommt einen Befehl, dann kann man ja nicht widersprechen. Man muss widerspruchslos tun, was einem befohlen wird. Das ist der Konsens im BDSM. Dann kann man aber auch nichts dafür, wenn man Dinge tut, die „sich nicht gehören“. Und schon hat man eine perfekte Ausrede vor anderen und vor sich selber.

Ich habe dazu kürzlich eine meiner kleinen Umfragen gestartet. Und zwei Drittel der Teilnehmer sagen von sich, sie hätten solche Fantasien.

Was meine ich, wenn ich von Fantasien spreche, die „sich nicht gehören“ oder die man „nicht will“ und zu denen man dann „gezwungen“ wird?

Ein Klassiker wäre beispielsweise Sex mit einem Fremden. Viele Frauen fantasieren davon. Aber abgesehen davon, dass es in der praktischen Umsetzung nicht ganz einfach und auch nicht ungefährlich ist, „tut man es nicht“.

Wenn man als devote Frau diese Fantasie aber mit dem Herrn teilt, dann eröffnen sich Möglichkeiten. Der Herr kann jemanden suchen. Er kann es organisieren und auch aufpassen. Und plötzlich ist die Fantasie unter dem Stichwort „Vorführung“ oder „Fremdbenutzung“ auf einmal zumindest denkbar.

Durch die psychologische Hilfestellung des Machtgefälles fällt es dann plötzlich leichter, sich vor sich selber zu rechtfertigen. Zuzulassen, was sonst vielleicht mit Schuldgefühlen behaftet wäre.

Denn es ist ja nicht die Entscheidung der Sub. Der Herr hat es befohlen. Da muss Sub jetzt durch.

Für manche ist auch die Lust am Schmerz ein Problem. Sich das einzugestehen fällt nicht jedem leicht. Wer gerne so geschlagen werden mag, dass blutige Striemen entstehen, der kann sich und anderen das nicht immer auf Anhieb erklären.

Wie praktisch ist es dann, wenn der dominante Part die Schläge anordnet. Dann nimmt man sie natürlich demütig hin. Und wenn der Partner nicht von alleine darauf kommt, dann bricht man vielleicht mit voller Absicht ein paar Regeln und wird dann „bestraft„. Mein Weg wäre in so einem Fall lieber miteinander zu reden. Aber als Hilfsmittel für die, die das nicht können oder noch nicht so weit sind, ist auch dieser Weg eine Möglichkeit.

Ein weiteres Beispiel ist ForcedBi. Das mag es auch für weibliche Subs geben, ist aber mit Sicherheit für männliche Subs gängiger.

Als Mann tut man sich mit solchen Bi-Fantasien landläufig schwer. So etwas „tut man eben nicht“. Diese Vorstellung herrscht ja immer noch vor. Wenn aber die Herrin nun partout befiehlt mit einem anwesenden Mann aktiv zu werden, dann hat man als Sub ja keine Wahl.

So fallen Dinge oft leichter, weil einem auf der Metaebene die Entscheidung abgenommen wird. Man trickst sich selber ein wenig aus und kann so freier ausleben, was man sich auf sich alleine gestellt vielleicht nicht trauen oder zugestehen würde.

Natürlich ist das nicht der einzige Grund für solche Fantasien. Ein weiterer kann sein, dass man den Kick darin erlebt gezwungen zu werden. Vielleicht sind es Praktiken die man alleine gar nicht erst ausleben würde. Die aber durch den Zwang interessant werden. Auch das ist möglich.

Aber ist das ok?

Natürlich ist das ok. Wem schadet man denn?

In allem, was mit Sex zu tun hat, sollten wir uns von gesellschaftlichen Konventionen von nichts abhalten lassen. Einzig die Fragen „Tut es mir gut?“, „Macht es allen Beteiligten Spaß?“ und „Schade ich jemandem damit?“ sollten der Maßstab sein, an dem wir unsere Entscheidungen messen.

Wer aber für sich selber und aus welchen Gründen auch immer ein Hilfsmittel braucht, um zu erleben und spüren wonach ihm ist, der kann das so tun. Wer gerade daraus seine Befriedigung zieht, der soll damit glücklich werden. Aus meiner Sicht gilt hier immer das Prinzip „Erlaubt ist, was funktioniert“. Und was für wen funktioniert ist eben extrem individuell.

Man sieht also, BDSM bietet hier viele Möglichkeiten, um umzusetzen, was einem sonst schwer fiele oder gar so gut wie unmöglich wäre. Und da kann auch ein scheinbarer Umweg zum Ziel führen.