Reiz Keuschhaltung

Keuschhaltung ist für viele im BDSM ein zentraler Bestandteil. Warum das so ist, ist nicht schwer zu erraten, bringt aber auch oft unerwartete Probleme mit sich.

Vermutlich ist der Begriff selbsterklärend. Dennoch kurz zur Bedeutung: Keuschhaltung bedeutet, dass der dominante Part dem devoten Part jeden Orgasmus verbietet. Einzige Ausnahme: Der dominante Part hat ihn vorher genehmigt – dies gilt ausdrücklich auch außerhalb von Session oder bei Vanilla-Sex.

Bei Paaren aus devoten Männern und dominanten Frauen ist diese Praktik vielleicht noch populärer als bei Paaren mit devoten Frauen und dominanten Männern. Aber da ich persönlich mit männlicher Keuschhaltung keine Erfahrung habe, weder aktiv noch passiv, soll es hier vor allem um die Konstellation gehen, in der eine weibliche Sub keusch gehalten wird.

Zu Beginn habe ich geschrieben, es sei nicht schwer zu erraten, warum Keuschhaltung für viele so ein zentraler Punkt ist. Dennoch lohnt es sich, einen Blick auf die verschiedenen Aspekte des Reizes dieser Praktik zu werfen. Der Orgasmus ist einfach so ziemlich das Intimste, was wir Menschen haben. Wir lernen ihn zumeist in der Pubertät kennen und mittels Selbstbefriedigung erforschen wir so sehr früh unsere Sexualität.

Dass ein anderer uns da rein redet, ist selten und alleine schon deswegen ungewohnt. Zumal man einem anderen die Kontrolle darüber gibt und selbst jede Kontrolle abgibt, ist eine Erfahrung, die es vermutlich nur im BDSM gibt (ja, ich weiß, das Zölibat. aber da hat ja kein „anderer“ die Kontrolle).

Selbstverständlich ist es ausgesprochen exklusiv, wenn man die Kontrolle über diese ganz persönliche und private Sache abgibt. Noch intimer wird es, wenn das Verbot womöglich sogar noch umfasst, dass man sich im Intimbereich gar nicht mehr selber anfassen darf.

Der Reiz ist also der Eingriff in die eigene Sexualität und diese abhängig vom Wohlwollen seines Gegenübers/Partners zu machen. Ein weiterer Reiz ist aber auch die durch Enthaltsamkeit steigende Libido. Sprich, wer nicht darf, der will irgendwann umso dringender. Das kann den Anreiz noch erhöhen und zu einer neuen Form von Bindung führen. Das mag bei devoten Männern stärker sein als bei devoten Frauen. Aber auch dort bleibt Keuschhaltung keinesfalls ohne Wirkung.

Ein zusätzlicher und besonderer Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Keuschhaltung ist, dass sie bei einer weiblichen Sub fast immer nur über ein Verbot stattfinden muss, während man bei Männern relativ einfach mit mechanischen Mitteln, wie einem Peniskäfig jede Erektion unterdrücken oder schmerzhaft machen kann. Dies ist bei Frauen nicht ohne weiteres möglich: Keuschheitsgürtel für Frauen, die wirklich funktionieren, sind extrem aufwändig und folglich kostspielig und weiterhin so unbequem, dass sie kaum auf Dauer tragbar sind.

Aber wie mir eine mir bekannte Sub sagte, die die Erfahrung mit einem solchen Keuschheitsgürtel gemacht hat, ist die Erfahrung ganz besonders. Sie schrieb mir: „Aber ich bin extrem froh darüber diese Erfahrung gemacht zu haben. Ich muss zugeben, dass es wirklich noch einmal ein Riesenunterschied ist, ob man die Keuschhaltung ’nur‘ über den Kopf macht bzw. ’nur‘ mit Verboten, oder ob der Sklave oder die Sklavin eben tatsächlich das pure Metall auf der Haut spürt und in jeder Sekunde spürt, dass der Körper nicht mehr ihr gehört oder ihm, dass die Lust nicht mehr ihr oder ihm gehört, sondern dem Herrn oder der Herrin.“.

Über den Reiz und auch die gewünschte oder erwartete Wirkung habe ich nun einiges geschrieben. Allerdings birgt die Keuschhaltung auch einige „Gefahren“, derer man sich bewusst sein sollte. Es ist nämlich keinesfalls so, dass die Lust einfach immer weiter steigt und man es dann irgendwann mit einer bedürftigen, ständig bereiten und willigen Sub zu tun hat.

Meine Erfahrung mit Keuschhaltung besagt, dass auch darauf die Reaktionen völlig individuell sind. Keuschhaltung und die damit gesteuerte Lust funktionieren nicht wie ein Motor, den man bei Bedarf startet und wieder aus macht.

Bei Keuschhaltung auf Distanz habe ich ganze verschiedene Reaktionen erlebt. Beispielsweise die, dass die wenigen Zeitfenster im Alltag neben Haushalt und Kindern, in denen Selbstbefriedigung möglich wäre, dann noch verkleinert werden, weil man um Erlaubnis fragen muss. Das erhöht den Stress und senkt damit die Lust. Reaktion ist, dass die Kontrolle als reine Belastung wahrgenommen wird.

Eine andere Reaktion war, dass die Sub das Gefühl hatte nicht lästig fallen zu wollen in dem sie fragte und daher überhaupt nicht fragte. Oder eben auch die Variante, dass der Kopf einfach sagt, „wenn ich sowieso nicht kommen darf, dann habe ich auch einfach keine Lust mehr“ und sich die Libido komplett runter fährt.

Keine dieser Reaktionen ist gewollt. Weder vom Dom noch von der Sub. Ehe man also in eine dieser Fallen tappt, sollte man miteinander reden und sich Lösungen überlegen. Gibt es Auswege, die die Keuschhaltung dennoch spannend halten? Oder gibt es vielleicht Alternativen?

Eine Alternative ist das schlichte Gegenteil der Keuschhaltung: der Orgasmuszwang. Die Sub wird dabei verpflichtet, sich in bestimmter Häufigkeit zu befriedigen. Ob sie will oder nicht. Der Effekt, nämlich der Kontrollverlust über die eigene Sexualität und Befriedigung ist ähnlich, man umgeht so aber einige der erwähnten „Gefahren“.

Welche Variante man wählt, welche als besonders reizvoll empfunden wird, ist vollkommen individuell. Probiert es einfach aus. Habt aber die möglichen Probleme im Kopf. Weder Dom noch Sub sollten erschrecken, wenn es zu einer der genannten, ungewollten Reaktionen kommt. Einfach darüber reden und kreativ reagieren.

Ein Gedanke zu “Reiz Keuschhaltung

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