Reden wir über Bedürfnisse

Ihr werdet es ahnen, hier geht es nicht um Bedürfnisse wie Atmung, Nahrung oder Schlaf. Aber auch nicht ausschließlich um sexuelle Bedürfnisse. Womöglich wird dass hier etwas weniger BDSM-bezogen als sonst üblich. Wir werden sehen.

Menschen haben viele Bedürfnisse. Nach der Maslowschen Bedürfnishierarchie gibt es verschiedene Arten von Bedürfnissen. Die oben genannten wären dann physiologische Bedürfnisse. Sie haben wir alle. Aber jeder hat eben auch ganz individuelle Bedürfnisse und diese treiben den jeweiligen Menschen an. Sie machen viel von dem aus wer wir sind. Sie beeinflussen maßgeblich unsere Entscheidungen. Die großen und die kleinen.

Wer die eigenen Bedürfnisse nicht kennt, der versteht oft nicht, wieso er oder sie handelt wie er oder sie eben handelt.

Verhalten und Konflikte versteht man oft, wenn man versteht was das Bedürfnis des anderen ist. Manchmal kann man den Konflikt dann lösen, manchmal erkennt man dann aber auch, dass es keine Lösung geben kann mit der beide Seiten zufrieden sind. Nämlich dann, wenn die Bedürfnisse sich widersprechen. Sprich, wenn die Erfüllung des einen Bedürfnisses die Erfüllung des anderen verhindert.

Klingt abstrakt und kompliziert? Ist es eigentlich nicht so sehr.

Wenn zum Beispiel ein Mensch ein großes Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit hat, dann wird er oder sie vielleicht einen möglichst sicheren Job haben wollen. Kinder bekommen, ein Haus kaufen. Hat auf der anderen Seite ein Mensch ein großes Bedürfnis nach Freiheit, dann wird dieser Mensch vielleicht wenig wert auf einen festen Job legen. Vielleicht wird dieser Mensch gerne von heute auf morgen alles fallen lassen und einen sechsmonatigen Trip durch Südamerika machen wollen.

Dass diese beiden Menschen jetzt ein Paar werden, dass länger als wenige Monate zusammen bleibt ist unwahrscheinlich. Zu unterschiedlich sind ihre Vorstellungen und Bedürfnisse. Es sei denn natürlich, einer von beiden ist sich seiner Bedürfnisse nicht bewusst oder entscheidet für die Liebe darauf zu verzichten.

Wir sind uns vermutlich einig: dann sind Konflikte vorprogrammiert.

Vor allem, da Bedürfnisse sich im Laufe eines Lebens verstärken oder verändern können. Vielleicht wird der freiheitliebende Mensch sich mit den Jahren immer mehr eingesperrt fühlen. Als Gegenreaktion wird dieser Mensch womöglich ein immer größeres Bedürfnis nach Freiheit entwickeln. Alle Versuche den „Sicherheits-Menschen“ zu kleinen und größeren Ausbrüchen zu motivieren sind unbeantwortet geblieben. Klar, es entspricht ja nicht dessen Bedürfnissen.

Irgendwann, nach vielen Jahren Beziehung, wird es vielleicht nicht mehr auszuhalten sein. Womöglich bricht dieser Mensch dann aus um endlich in zerrissenen Jeans durch San Francisco zu gehen. Zurück bleibt ein fassungsloser Partner der nicht versteht, was „plötzlich“ so anders ist, wo doch bisher alles so „perfekt“ war.

In diesem Beispiel haben beide nicht ausreichend auf ihre Bedürfnisse geachtet oder sie nicht ausreichend gekannt.

Nun nähern wir uns dem Punkt. Auch erfüllte Sexualität ist ein Bedürfnis. Ein sehr starkes und grundlegendes sogar. Bei manchen stärker und bei anderen schwächer ausgeprägt. Bei ganz wenigen sogar kaum vorhanden.

Für manche Menschen ist Sex ein zentraler Punkt und ganz essentieller in ihrem Leben. Für andere etwas Schönes, aber eher etwas dass eben da ist. Beides ist in Ordnung. Genauso wie Essen für manche eine pure Notwendigkeit und für andere ein Luxus im Alltag ist, der aus einem mittelmäßigen Tag einen fantastischen Tag machen kann.

Unterschiedliche Bedürfnisse eben.

Problematisch kann es werden, wenn sich beim einen die Leidenschaft für Sex weiter entwickelt und beim anderen nicht. Oder wenn sich die Vorstellung wie erfüllte Sexualität aussieht auseinander entwickelt haben.

Vielleicht hat man früher gut zusammen gepasst. Vielleicht standen bei beiden am Beginn der Beziehung das Bedürfnis nach Liebe, Geborgenheit und Familie im Vordergrund. Nun wo das erfüllt ist, rücken aber bei einem Partner andere Bedürfnisse in den Vordergrund und entwickeln sich weiter.

Wie gesagt, auch sexuelle Bedürfnisse können sich entwickeln, Anlage die vorhanden waren sich verstärken und im Resultat hat man andere sexuelle Bedürfnisse als der langjährige Partner. In der Fantasie entstehen vielleicht Ideen von BDSM die verschüttet waren und als jugendliche Spinnereien abgelegt schienen.

Nun werden sie aber immer stärker und sie sind eben genauso ein Bedürfnis wie die anderen Bedürfnisse auch. Wie im Beispiel oben mit dem freiheitsliebenden und dem sicherheitsliebenden Menschen hat man sich aber womöglich einen Partner ausgesucht, der ganz andere Bedürfnisse hat. Mit dem man wie erwähnt anfänglich ähnliche Bedürfnisse hatte, aber eben nicht alle geteilt hat. Wie dass nach erfüllter Sexualität oder Freiheit.

Was in dieser Situation nicht hilft ist, dem anderen Vorwürfe zu machen wie „Für das bisschen rumficken willst Du unsere Beziehung zerstören?“. Das ist nicht der Punkt. Das ist ein typischer Fall vom nicht verstehen anderer Bedürfnisse. Nur weil man sie nicht teilt, sind die Bedürfnisse des anderen nicht minderwertig.

Leider sehen aber viele, meiner Erfahrung nach vor allem viele Männer, nur ihre Bedürfnisse. Halten diese für zentral und unverhandelbar wichtig. Haben aber nicht die Fähigkeit oder das Interesse auch die Bedürfnisse des Partners zu sehen und zu achten. Wer aber nur auf die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse pocht ohne die des anderen zu achten, der verletzt seinen Partner Tag für Tag.

An dem Punkt wäre es stattdessen wichtig sich gegenseitig die Bedürfnisse klar zu machen. Konstruktiv zu versuchen Lösungen zu finden wie beider Bedürfnisse erfüllt werden können. Denn nur, wenn diese zentralen menschlichen Bedürfnisse wie zum Beispiel Sicherheit, Geborgenheit, erfüllte Sexualität, Liebe befriedigt werden, können wir als Menschen auf Dauer glücklich sein.

Was ihr also braucht ist erst einmal Klarheit über die eigenen Bedürfnisse. Was ist für euch wichtig und eigentlich nicht verhandelbar?

Dann könnt ihr jemanden suchen, der diese Bedürfnisse erfüllt und der idealerweise weitgehend die selben Bedürfnisse hat. Manchmal ist das aber nicht ein Mensch. Manchmal findet man Erfüllung für die einen wichtigen Bedürfnisse beim einen und für andere Bedürfnisse bei einem anderen Menschen.

Wenn der Partner nicht gerne kocht und isst, dann findet man vielleicht Freunde die das mögen. Oder einen Kochclub. Bei so etwas ist das normal. Wenige Menschen würden das als Verrat an der Beziehung sehen. Beim Sex finden das leider sehr viele Menschen schon. Das muss aber nicht so sein. Denn wie wir ja neulich schon besprochen haben, nicht mit jedem Partner kann man alles ausleben.

Solltet ihr aber in einer Beziehung sein in der eure gegenseitigen Bedürfnisse nicht erfüllt werden und ihr findet auch keine Lösung. Sollten sich die Bedürfnisse nicht unter einen Hut bringen lassen, dann muss man sich eben vielleicht doch trennen. So haben beide die Möglichkeit ihre Bedürfnisse nach Liebe, Geborgenheit oder erfüllter Sexualität mit jemand anderem zu erfüllen, statt dass immer einer oder beide leiden.

Und nennt mich einen Romantiker. Aber ich bin überzeugt, dass es möglich ist alle Bedürfnisse auch in einer Beziehung zu erfüllen. Dafür braucht es nur klare Kommunikation über dass was man will und braucht und Toleranz für dass, was der andere will und braucht. Vor allem an letzterem hapert es aber meistens.

8 Gedanken zu “Reden wir über Bedürfnisse

  1. Das sind wahre Worte. Theoretisch auch vollkommen nachvollziehbar. Wenn man Deine Worte liest, erscheint es einem „so einfach“.
    Praktisch wird das dann schon komplizierter.

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  2. All das kann abgeschüttelt werden.

    BDSM mit dem richtigen Partner ist erfüllend, nichts von dem was in „ komischen Filmen“ gezeigt wird, sondern ein gegenseitiges mehr. Mehr von Führung, mehr von Hingabe, mehr von erfüllter Sexualität. Spannend, aufregend, fordernd und gebend… immer neu und voller Erfüllung.

    Gefällt 1 Person

  3. Ja.
    Wie wahr.
    Deshalb habe ich mich verabschiedet nach 22 Jahren. Zu viel hatten wir uns verändert, zu wenig Verständnis für Bedürfnisse.
    Heute bin ich frei.
    und keine Angst mehr vor mir selbst.

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