Kampfbegriff Wunschzettelsub

Es gibt im BDSM so manchen Kampfbegriff mit dem wahlweise abqualifiziert, gelockt, beleidigt, bewertet, einsortiert oder beurteilt wird. Für die einen ist nur 24/7 „wahres BDSM“, die anderen halten D/s für Kinderkram und nur blutige Striemen auf dem Arsch sind das Wahre. Auch Wunschzettelsub ist so ein Kampfbegriff.

Die einen fürchten eine Wunschzettelsub zu sein, die anderen beschimpfen andere als solche und bewerten sie damit. Denn eine Wunschzettelsub will natürlich niemand sein. Oder ist das Quatsch und so etwas gibt es gar nicht? Oder es gibt sie schon, es ist aber am Ende gar nicht so wild?

Was ist überhaupt eine Wunschzettelsub? Ist jede Sub die es wagt auch eigene Wünsche und Vorstellungen zu haben eine Wunschzettelsub? Nein, natürlich nicht. Das würde ja im Umkehrschluss auch bedeuten eine Sub muss immer rechtlos und ohne eigene Wünsche und Bedürfnisse sein. Das ist Unsinn und wäre schrecklich.

Jede und jeder Sub darf Wünsche haben. Wenn das nicht so wäre, dann wäre BDSM schnell öde. Denn gerade auch mit diesen Bedürfnissen und Wünsche, bzw. deren Erfüllung zu spielen ist ja ein großer Teil von BDSM.

Also nur der Fakt eigene Wünsche und Vorstellungen zu haben qualifiziert niemanden zur Wunschzettelsub. Wer versucht euch das einzureden hat keine Ahnung oder will euch nur dazu bringen möglichst zurückzustecken und ausschließlich seinem Willen zu folgen. Denn genau dazu wird der Begriff dann gerne als Kampfbegriff benutzt: um Druck auszuüben.

Wenn der gemeinsame Rahmen vereinbart wird ist es also völlig legitim zu sagen „Ich wünsche mir Schläge, möchte gerne regelmäßige Orgasmen und mag es total, wenn ich fixiert werde.“. Solcher Input muss sogar sein, denn wie soll man denn sonst wechselseitig wissen was man mag und erwartet?

Was eine tatsächliche Wunschzettelsub ausmachen würde wäre, wenn die Wünsche eher so aussehen würden: „Ich möchte geschlagen werden. Erst sechs Schläge mit dem Paddel, dann 12 mit dem Flogger, gefolgt von weiteren 12 mit dem Rohrstock. Aber der Flogger muss braun sein und das Paddel unbedingt aus Kunststoff.“

DAS wäre für mich eine Wunschzettelsub und ich persönlich hätte damit ein Problem. Als Dom verstehe ich mich nicht als reinen Wunscherfüller. D/s hat für mich in erster Linie mit Abgabe von Kontrolle bzw. Kontrollverlust zu tun. Und wenn man als der Part, der eigentlich die Kontrolle abgeben soll so klar vorgibt was passieren soll, dann hat man eben weiter die Kontrolle. Das widerspricht dann meinem persönlichen Verständnis von BDSM oder D/s.

Manche sprechen in diesem Zusammenhang auch von „Topping from the bottom„. Das bedeutet übersetzt in etwa „Führung von unten“ und besagt, dass in einer Dom-Sub-Konstellation Sub steuert was passiert. Und das, obwohl es von der Position her ja umgekehrt sein sollte.

Oft wird „Topping from the bottom“ auch praktiziert in dem bewusst Regeln gebrochen oder Aufgaben falsch gemacht werden, um dann eine Strafe zu provozieren. Auch davon halte ich persönlich im D/s gar nichts und reagiere allergisch darauf.

Jetzt kommt aber der entscheidende Punkt: Wunschzettelsub zu sein ist kein Werturteil. Es macht diejenige oder denjenigen nicht schlechter als andere.

Daher schreibe ich ganz bewusst, dass es mich persönlich stört und für mich persönlich nicht mein Fall ist. Für andere mag das anders sein. Wer auf ein Gegenüber trifft dass sagt „Klasse, ich gebe mit Vorliebe 12 Schläge mit braunen Floggern.“ oder „Mich erfüllt es einfach total, wenn ich mein Gegenüber so schlage wie es gewünscht ist.“ dann nur zu. Werdet glücklich miteinander und lasst euch nicht einreden, dass etwas nicht stimmt, wenn es für euch passt.

Also nicht verrückt machen lassen. Auch das böse Wort Wunschzettelsub ist kein all zu großes Drama. Es passt halt schlecht in das gängige Verständnis von D/s. Aber auch diese Wünsche und Bedürfnisse haben ihre Berechtigung. Man muss sich ihrer nur bewusst sein und dann jemanden finden, für den die Erfüllung dieser Wünsche auch Erfüllung oder zumindest Spaß ist.

Und Beurteilung oder gar Abwertung von Neigungen anderer, weil sie nicht den eigenen entsprechen? Tja, es wäre schön, wenn wir 2020 weiter wären als das.

2 Gedanken zu “Kampfbegriff Wunschzettelsub

  1. Ich habe „Wunschzettelsub“ bisher ausschließlich in der folgenden Situation erlebt / gehört:
    Eine Sub und ein Dom sind dabei sich kennenzulernen, und die Sub beginnt, eine Fantasie von sich zu schildern, wo „das schon“, aber auch „das nicht“ vorkommt. Der Dom bezeichnet die Sub bald nach dieser Schilderung als „Wunschzettelsub“. Da alle Männer, welche mit diesem Begriff ein Gegenüber anreden, bei mir auch dieses ungute Bauchgefühl auslösen, kann ich nur jeder Sub empfehlen: Treffen beenden, nächster Kandidat!
    So ein Dom wird eure Grenzen zwar nicht einrennen, aber immer ein bisschen zu weit gehen, bis er nach dem 5. Mal plötzlich doch hinter eurem „das nicht“ angekommen ist. Ein guter Dom braucht den Begriff nicht (und benutzt ihn meiner Erfahrung nach auch nicht). Er sagt einfach: Tut mir leid, aber wir scheinen nicht kompatibel zu sein.

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