Erwartungen treffen auf realen BDSM

Darf Sub Wünsche und Bedürfnisse äußern? Oder widerspricht das in sich schon der Rolle als Sub? Muss man als Sub also willen- und wunschlos sein? Oder zumindest den Willen und die Wünsche nicht äußern, sondern sich komplett dem dominanten Part unterwerfen?

„Aber wenn ich dir meine Wünsche und Fantasien sage, bin ich da nicht so eine Wunschzettelsub?“. Diese und ähnlich spannende Fragen habe ich in letzter Zeit diskutiert. Sie haben mich zum nachdenken angeregt und ich habe dabei wieder einmal viel gelernt.

Wenn man Sub ist, dann sucht man dominante Führung, Abgabe von Kontrolle, nicht entscheiden müssen. Das liegt in der Natur der Sache. Und ja, da scheint es vielleicht gerade als Anfängerin oder Anfänger widersinnig, wenn man nach Wünschen und Fantasien gefragt wird. Schließlich will man ja brav und gehorsam sein. Man will nicht vorgeben was passieren soll. Das soll ja gerade der dominante Part tun. Und gibt es da nicht dieses schlimme Wort „Wunschzettelsub“? Das möchte man ja nun auf gar keinen Fall sein. Denn das ist offenbar das Schlimmste überhaupt.

Nun gut, räumen wir mal mit ein paar Mythen auf. Ich habe es schon gelegentlich gesagt und sage es wieder: der Begriff Wunschzettelsub ist für mich ein Kampfbegriff. Wer ihn verwendet, will damit in den allermeisten Fällen bezwecken, dass jemand seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse aufgibt und hinten anstellt. Ich halte das für grundfalsch und benutze diesen Begriff nie.

Wer jemanden als Wunschzettelsub bezeichnet, der scheut die Auseinandersetzung mit dem Gegenüber und will das Gegenüber zum Schweigen bringen. Werdet ihr so bezeichnet, dann würde ich an eurer Stelle ganz scharf nachdenken, ob euer Gegenüber eure Aufmerksamkeit, Zuwendung und Zeit wert ist.

Jetzt fragt ihr vielleicht „Ok, aber ich will doch, dass Dom bestimmt. Ist Wünsche äußern dann nicht doch falsch in einer Dom/Sub-Beziehung?“

Nein, finde ich überhaupt nicht. In der Kennenlernphase muss Dom ja überhaupt erst einmal wissen und herausfinden, was Sub mag und was nicht. Klar kann man das per „Trial and Error“ machen oder Dom raten lassen. Einfacher ist es aber, wenn man sagt worauf man steht. Das spart viel Zeit und Nerven und man umgeht viele potentielle Fettnäpfchen.

Vor allem aber liegt in der ganzen Thematik ein grundlegender Denkfehler vor. Ja, Sub möchte, dass Dom entscheidet. Am besten vielleicht von Anfang an. Aber Wünsche zu äußern und Bedürfnisse zu benennen ist ja nicht das Selbe, wie Wünsche und Bedürfnisse nach blieben und nach eigener Ansage erfüllt zu bekommen.

Wenn ich als Dom genau weiß was die Wünsche und Bedürfnisse sind, dann kann ich doch um ein vielfaches besser damit spielen. Ich kann die Erfüllung für Gehorsam in Aussicht stellen. Ich kann die Erfüllung verweigern, wenn ich nicht zufrieden bin. Ich kann die Erfüllung eines Wunsches andeuten und mit der Erwartung spielen, um ihn dann doch nicht zu erfüllen und so weiter.

Dom bestimmt was passiert. Eben auch ob Wünsche erfüllt werden. Dazu muss Dom diese aber kennen und kann so viel effektiver und zum Lustgewinn beider Seite damit spielen. Kennt Dom die Wünsche und Bedürfnisse nicht, ist ihm oder ihr ein sehr spannendes und vielseitiges Instrument genommen.

Daher plädiere ich immer dafür, dass Sub Fantasien, Wünsche und Bedürfnisse vollkommen offen kommuniziert. Meiner Sub gegenüber verlange und erwarte ich das. In der Kennenlernphase genauso wie auch später. Erst wenn ich weiß, worauf Sub heute besonders Lust hat kann ich doch damit spielen und es verwenden. So haben beide etwas davon.

Was wäre vor allem die Alternative? Einen Wunsch nach einer sexuellen Praktik, einer bestimmten Szene oder einer Fantasie immer nur für sich behalten? In der stillen Hoffnung, dass Dom irgendwann von alleine darauf kommt? Und passiert das nicht, dann still und leise frustriert sein, weil dass, was man gerne hätte eben nie passiert? Das kann ja nicht Sinn der Sache sein.

Noch einmal muss ich in diesem Zusammenhang auf meine Bild des Rahmens zurückkommen, in dem wir BDSM leben. Dom und Sub vereinbaren einen Rahmen von Dingen, die zwischen ihnen gewollt und ok sind. Alle gewünschten und erlaubten Praktiken, Fantasien und Szenarien liegen innerhalb des Rahmens. Alles unerwünschte und verbotene außerhalb. Innerhalb des Rahmens hat Dom komplette Verfügungsgewalt. Was außerhalb liegt, ist eben außerhalb und damit außen vor was die Dom/Sub-Beziehung angeht.

Je reichhaltiger dieser Rahmen gefüllt ist, desto mehr Spielraum hat Dom. Desto weniger vorhersehbar ist, was passieren wird. Desto spannender und reizvoller wird das gemeinsame Spiel. Wenn innerhalb dieses Rahmens auch die Wünsche und Bedürfnisse von Sub bekannt sind, dann verbessert und vertieft das nur das gemeinsame BDSM-Erlebnis.

Wenn euch also andere oder eure innere Stimme sagen, dass es als Sub falsch ist Wünsche zu haben und zu äußern, dann hört nicht auf sie. Sie haben unrecht. Offene Kommunikation über Wünsche und Bedürfnisse ist Teil einer gesunden BDSM-Beziehung. Dass am Ende aber nur der dominante Part über die Erfüllung bestimmt eben auch. Und das ist beides gut so.

6 Gedanken zu “Erwartungen treffen auf realen BDSM

  1. Herzlichen Dank für diesen Beitrag! Ich bin derselben Meinung. Schließlich steht es ja nicht auf der Stirn tätowiert, was sub sich wünscht, möchte, gerne hätte, liebt, nicht mag, hasst, verabscheut…
    Das wichtigeste in einer BDSM Beziehung ist und bleibt für mich: reden, reden, reden.

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  2. Du triffst den Nagel auf den Kopf. Vor allem für die Suche nach Dom oder Sub ist es doch elementar, dass man Wünsche äußert, denn wie sonst sollen beide feststellen, ob sie überhaupt kompatibel sind. Es gibt schließlich nicht DAS BDSM, also muss man abklären, ob überhaupt eine Überschneidung der Wünsche existiert. Wie immer geht das nur mit Kommunikation.
    Sehr guter Beitrag! Mein Thema seit Jahren …

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    • Danke dir. Wir sind uns da völlig einig. Wünsche und Bedürfnisse zu haben und zu äußern ist in jeder Phase wichtig. Vor allem aber am Anfang. Denn nur wenn die sich ausreichend überschneiden kann man auch etwas Ernsthaftes aufbauen.

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  3. „Offene Kommunikation über Wünsche und Bedürfnisse ist Teil einer gesunden BDSM-Beziehung.“
    Das sollte in jeder sexuellen Beziehung so sein. Leider wird das viel zu oft vernachlässigt, vielen Menschen fällt es schwer darüber zu reden oder sie denken, es ist nicht wichtig.
    Es ist traurig, dass es nicht selbstverständlich ist.
    Danke, dass du da immer mal wieder drauf hin weißt.

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      • Das denke ich auch, immer wieder muss man darüber reden, dass wäre für alle Beteiligten gut, wird nur leider sehr oft vernachlässigt. Entweder denken sie es ist alles gesagt, oder es wird für unwichtig erachtet.
        Das ist es nicht!
        Danke dir, dass du immer mal wieder darüber schreibst. Ich lese dich immer gerne, vermisse den Podcast.

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