„Das erzähle ich dir lieber nicht“

Wenn ich eine Frau kennenlerne und wenn wir beide die Absicht haben, dass es zu einer BDSM-Beziehung irgendeiner Art kommen soll, dann stelle ich immer sehr viele Fragen. Fragen über ihre Erfahrungen, Vorlieben, Fantasien, Wünsche, Abneigungen und Dinge, mit denen sie sich unwohl fühlen würde.

Dabei begegnen mir zuverlässig immer wieder zwei unterschiedliche Reaktionen:

  • „Wow, noch nie wollte ein Mann so viel darüber wissen, was ich will und was mir gefällt.“ und/oder
  • „Das verrate ich dir doch nicht, dann kannst du mich ja genau dort packen.“

Beide Sätze sind spannend und vielsagend, wie ich finde.

Fangen wir einmal mit der ersten Reaktion an. Offenbar gibt es solche Menschen. Menschen die sagen: „Mir scheißegal was dir gefällt, was Du willst oder wie es dir geht. Ich ziehe mein Ding durch. Dafür bin ich doch Dom, damit ich beim Sex keine Rücksicht auf meine Mitmenschen nehmen muss.“.

Wie ihr euch denken könnt: aus meiner Sicht sind solche Menschen nicht dominant im Sinne von BDSM, sondern vor allem Arschlöcher.

Denn wer einfach nur egoistisch die eigene Nummer durchziehen will, soll sich ein passendes Sextoy suchen oder einen der womöglich existierenden Menschen, den genau dieses Verhalten kickt. Dann soll das in Ordnung sein.

Aber ansonsten besteht BDSM wie jeder Sex aus Geben und Nehmen und aus dem Zusammenspiel der Wünsche, Bedürfnisse, Vorlieben und Neigungen aller Beteiligten.

Mein Anspruch beim BDSM ist es also, dass auch meine Partnerin ihren Spaß hat und auf ihre Kosten kommt. Vor allem aber möchte ich im Vorfeld herausfinden, ob wir uns in der nötigen Weise ergänzen. Ob es so passt, dass ein „Mehr“ überhaupt in Frage kommt. Dazu frage ich viel und gebe im Gespräch auch viel preis. Ich erzähle von mir und meinen Erfahrungen. Ich stelle und beantworte viele Fragen. Nur so geht es, finde ich. Sich zu öffnen ist aus meiner Sicht für beide absolut notwendig.

Noch dazu ist es ja in der Folge umso hilfreicher für beide und das angedachte gemeinsame Spiel, wenn ich genau weiß was ihr gefällt und was nicht. Da spielt die zweite oben erwähnte Antwort hinein. Je genauer ich weiß, welche Vorlieben und Abneigungen es gibt, desto gezielter kann ich damit spielen. Desto besser kann ich den Kopf ficken und mit Dingen aufheizen von denen ich weiß, dass sie gut ankommen und wenn nötig auch mal bestrafen mit Dingen, von denen ich weiß, dass die Frau sie nicht mag. Desto besser kann ich ihr geben was sie will oder es ihr auch verweigern. Ganz so, wie es mir gefällt. Und das ist ja im Metakonsens der Kern des gemeinsamen Spiels.

Das wiederum ist also genau in beiderseitigem Interesse. Als Dom steuere und lenke ich die Situation und meine Sub. Dafür muss ich aber möglichst genau wissen, wie sie tickt und worauf sie wie reagiert. Je besser ich darüber Bescheid weiß, desto besser gelingt mir die gewollte Führung. Desto besser gelingt es mir eine Situation herzustellen, in der sie sich fallen lassen und in meine Hände begeben kann. Immer in dem Wissen, dass ich ihre Grenzen und Wünsche kenne, und damit in diesem Rahmen nach meinem Belieben spiele.

Dabei verstehe ich schon, dass es ungewohnt und irgendwie gegen jede Intuition ist, jemandem beispielsweise zu verraten, wie man am besten erniedrigt oder bestraft werden kann. Letztlich ist es aber gewollt, Gemeinsamkeiten bei Wünschen und Neigungen zu finden, um diese im besten Fall miteinander auszuleben.

Darum geht es schließlich. BDSM, für die betreffende Person „richtig“ ausgelebt, geht tiefer als Vanilla-Sex. So habe ich es über die Jahre von sehr vielen gehört, die davor viele Jahre Sex ohne BDSM-Bezug hatten. Das ist nicht verwunderlich, denn diesen Menschen hatte vorher oft etwas in ihrem Sexleben gefehlt.

Was BDSM aber tatsächlich vom Vanilla-Sex abhebt, ist eben genau das worum es hier geht. Im Schnitt mehr Kommunikation. Mehr aktive Beschäftigung mit den eigenen Bedürfnissen und Wünschen. Mehr Offenheit mit dem, was man will und braucht. Im Schnitt, wie gesagt.

Das macht aber eben auch in jeder Hinsicht verletzlicher. Sich offenbaren und Dinge preisgeben, die man vielleicht noch nie laut ausgesprochen hat, macht verletzlich und es braucht Vertrauen. Aber nur so besteht die Chance, diese Dinge auch zu erleben und diese ersehnten Gefühle zu fühlen.

Für mich ist das aber der beste und eigentlich einzige Weg, sich näher zu kommen und zu finden wonach wir suchen. Umso erstaunlicher die oben erwähnte Antwort „Wow, noch nie wollte ein Mann so viel darüber wissen, was ich will und was mir gefällt.“.

Schlimm genug. Ich weigere mich zu glauben, dass da draußen nur dominante Menschen herum laufen, die zur oben erwähnten Arschloch-Kategorie gehören. Das wäre fast schon tragisch. Umso wichtiger dann aber dieser Artikel. Und auch das sei noch gesagt: es ist ok, wenn ihr einen BDSM-Partner wollt, der euch rücksichtlos und ohne Beachtung eurer Klagen behandelt. Aber auch das habt ihr dann vermutlich oder hoffentlich vorher so kommuniziert und abgesprochen.

Am Ende bleibt aber die noch interessantere Frage die wir uns alle stellen sollten: wieso scheint es für viele Frauen da draußen eine so gänzlich neue und seltene Erfahrung zu sein, nach ihren Wünschen und sexuellen Bedürfnissen gefragt zu werden? Fragen so wenige potentielle Sexpartner danach? Woran liegt das? Antworten die, die gefragt werden nicht oder nicht ehrlich, weil sie es nicht gewohnt sind? Ich weiß es nicht, wäre aber neugierig dem nachzugehen.

Ich bleibe bei meinem Mantra: redet miteinander. Kommunikation ist der Schlüssel zu gutem und gesundem BDSM (übrigens auch zu gutem Vanilla-Sex). Versucht offen zu sein, auch beim Kennenlernen. Auch wenn es schwer fällt. Hört zu und seid aufmerksam. Beide Seiten. Dann seid ihr schon auf einem guten Weg.


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5 Gedanken zu “„Das erzähle ich dir lieber nicht“

  1. Hallo,
    Ich bin vielleicht nicht die richtige Person um dir auf die Frage zu antworten, ob es nur rücksichtslos Männer gibt denen Wurst ist was ihre Frauen mögen. Da ich mit meinem Mann seid meinem 17 Lebensjahr zusammen bin ,und ich außer ihm nur einen anderen Partner hatte. (Bin jetzt mitte 40)
    Beide waren immer darauf bedacht das es mir spass macht, das ich mich wohl fühle und es mir gut geht dabei.
    Ich kann mir aber durchaus vorstellen das es genug Dummdoms gibt die Thematik einfach nicht kapiert haben und meinen ihren Stiefel durch ziehen zu müsse.
    Ich verstehe aber z .B. nicht warum Frau ihr Licht immer unter den Scheffel stellt und den Kerlen nicht frei raus sagt was sie mögen. Völlig egal ob jetzt in einer BDSM Beziehungen oder Vanilla.
    Kommunikation ist meines Erachtens der einzige Weg um Beziehungen am laufen zu halten. Keiner von uns kann in den Kopf des anderen schaun , also sprecht doch einfach miteinander.
    Danke für deinen tollen Blog ich les dich echt gern.
    Lg Nina

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  2. „Was BDSM aber tatsächlich vom Vanilla-Sex abhebt, ist eben genau das worum es hier geht. Im Schnitt mehr Kommunikation.“
    Hmja, in der Hinsicht bin ich grundsätzlich deiner Meinung. Vieles hier klingt aber so sehr nach Beschwerde über die angesprochene Antwortoption 2, dass ich da schon mal einhaken möchte, weil deine „Gegenargumente“ im Zweifelsfalle eine toxische Komponente haben. Auch im BDSM haben Subs selbst zu entscheiden, wann und wie sie sich verletzlich, emotional und körperlich „nackig“ machen.

    So gut deine Argumente also sind, dass es dir als Dom gewissermaßen „zustehe“, zu wissen, wo die Schwachpunkte eines Gegenübers sind, weil BDSM ja schließlich bedeute, konsensuell damit zu spielen: Dass du, wie auch jeder andere Mensch, das dann rein konsensuell nutzen wird, steht nicht in den Sternen, bloß weil ein Gespräch mit „BDSM“ überschrieben ist. Und so überzeugt, wie du zu sein scheinst, dass man/frau dir die entsprechenden Antworten irgendwie schuldig sei, habe ich ein bisschen den Eindruck, dass dir die Wahrnehmung fehlt, dass Menschen mit auf solche Weise eine Grenze setzen. Wenn du mit der hier vorgestellten Argumentation ein Subbie überrennst, das weniger im Boden verankert ist als ich, reflektiert man das evtl. nicht schnell genug und fängt an, unter dem von dir mit Rationalität ausgeübten Druck Dinge zu erzählen, die man nicht erzählen möchte. Und das ist in der Kennenlernphase sowas von nicht okay.

    Mir fehlt in dem Artikel die Einsicht darin, dass dein Gegenüber ein gutes Recht hat, auch bei Auskünften die Grenzen selbst zu setzen. Schön, dass und wenn du kommunizieren willst. „Nein“ heißt allerdings auch bei emotionalen Schwachstellen „nein“, und wer mir da mit „aber BDSM“ käme, mit dem wäre das Gespräch für mich beendet.

    Emotionale Schwachstellen lassen sich nunmal nicht bloß in der Session nutzen, sondern sehr wohl auch im Alltagsleben, und evtl. steckt auch mal ein Trauma dahinter, von dem du nicht in den ersten paar Tagen gleich was wissen brauchst. Am Ende gibt es da draußen die Arschlöcher, die auch gar nicht unbedingt so schlecht darin sein müssen, Verwundbarkeiten aus Leuten rauszukitzeln, ehe das Vertrauensverhältnis das rechtfertigt. Und so fängt es dann an mit dem Hineinrutschen in eine missbräuchliche Beziehung. Insofern wäre allein schon Herumdiskutieren oder Gegenargumentieren nach so einem „Nein“ (in welcher diplomatischen Form auch immer dieses „Nein“ verpackt wird, weil man sich an der Stelle nicht traut, dem selbst titulierten Dom ins Gesicht zu sagen, dass es ihn nichts angeht) eine absolute Redflag.
    Ich für meinen Teil bereue es erheblich, welchen Leuten ich gewisse Dinge über mich unter welchen Vorzeichen auch immer erzählt habe, und kann nur jedem Menschen raten, sich gut zu überlegen, wer das Vertrauen für so etwas verdient.

    Vertrauen gibt es nunmal nicht zu verschenken. Solange die Frage nach Schwächen ein Gesprächsangebot ist und Sub damit umgehen kann – okay, läuft, alles gut. Wird aber ein Nein hier nicht bedingungslos akzeptiert, sondern mit dem Impuls reagiert, psychischen Druck auszuüben (in welcher Weise und aus welchen Vorwänden auch immer), wäre das für mich ein absolutes Nogo. Man sollte erstmal austesten dürfen, was du mit den Dingen anfängst, die eins freiwillig erzählt. Und solange das allzu viel nicht ist, ist im Zweifelsfalle die Beziehung einfach noch nicht soweit. Wenn man nicht zu den Arschlöchern zählt, sollte es mEn wirklich nicht so schwer sein, das zu akzeptieren.

    Im Zweifelsfalle spielt man halt erstmal nicht gleich am Limit und lässt sich Zeit, die Dinge gemeinsam herauszufinden. Bzw. wenn du halt gleich die maximale Verwundbarkeit willst und brauchst, weil nur Edgeplay für dich „real BDSM“ ist, und dein Gegenüber das anders sieht, passt ihr in der Hinsicht vielleicht auch einfach nicht genügend zusammen.
    In einem Kennenlerngespräch über BDSM herrscht nunmal kein Metakonsens. Und eine Schwäche auszunutzen, die Sub für das Spiel nicht freiwillig zur Verfügung stellt, aka nicht selbstständig dem Metakonsens unterstellt hat, ist dementsprechend nunmal weder Konsens noch Metakonsens. Sondern einfach nur: nicht okay.

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  3. Kurz gesagt: Metakonsens ist, wenn ihr die Regeln gemeinsam aufstellt, nicht wenn du alles so gestalten kannst, wie allein du das willst. Ich glaube, das ist der Kerngedanke, der mir bei dir hier wirklich fehlt.

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    • Danke für deine wichtigen Denkanstöße. Da waren viele Punkte dabei, die man mit in Betracht ziehen sollte. Ja, natürlich gibt es auch Menschen, die Schwächen gezielt suchen und ausnutzen wollen. Insofern spreche ich hier, wie in den meisten meiner Artikel, von einer Art idealen Situation. Selbstverständlich muss jeder Mensch auch auf sich achten, die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass das Gegenüber Böses im Sinn hat etc. Ich weise ja in meinem Artikel auch auf die Möglichkeit von Arschlöchern hin, habe es aber nicht so explizit ausgeführt wie Du es dann in deinem Kommentar ergänzt hast.
      Allerdings ist mir wichtig zu betonen, dass es mir nicht darum geht Druck auszuüben um Möglichst alle Schwachstellen zu erfahren. Ich beschreibe eine Situation wie ich mir Kommunikation (wie gesagt vielleicht auch idealisiert) zum Kennenlernen vorstelle: beidseitig offen, weil beide sich kennenlernen und erfahren wollen, ob sie zueinander passen. Dafür ist aus meiner Sicht Offenheit erforderlich. Wenn ich persönlich merke, dass diese Ebene nicht zustande kommt, dann sehe ich es wie Du es schreibst: dann passen wir vielleicht nicht zusammen und das ist dann eben so und ist ok. Dass auch hier ein Nein ein Nein ist, ist selbstverständlich. Da darf dann auch kein emotionaler Druck ausgeübt werden. Dann passt es eben nicht.

      Und dass das alles nur im Konsens geht ist klar. Denn es gibt zu diesem Zeitpunkt noch gar kein Gefälle. Es lernen sich zu dem Zeitpunkt gerade zwei Menschen auf Augenhöhe kennen. Nirgends in meinem Artikel steht, dass der dominante Part befiehlt, anweist oder fordert. Beide Menschen öffnen sich und machen sich verletzlich. Nach eigenem Ermessen und eigenem Tempo. Diese Öffnung halte ich für notwendig, sage aber nicht, dass sie mit einem Machtgefälle befohlen werden soll. Das geht nicht und wäre auch falsch.

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