Darf ein Dom sich dominieren lassen?

Es gibt zahllose Missverständnisse, Irrtümer und Fehlannahmen rund um BDSM. Einer dieser Fälle ist die Annahme, wer auf BDSM steht, mag auch immer die gleiche Kombination an Spielarten. Als gäbe es nur mehrere vorbestimmte Kombinationen von Vorlieben und wer auf A steht, steht damit zwangsläufig auf B und C. Und wer auf C steht, der muss auch D mögen. Als wäre BDSM wie ein Senderpaket bei dem man automatisch den blöden Reisesender mit bucht, weil in dem Paket der Filmsender ist, den man eigentlich möchte.

Klingt albern? Stimmt. Ist es auch. Manche stehen auf Schläge und Erniedrigung. Andere auf Fesseln und Schläge. Wieder andere auf Fesseln und Erniedrigung, dazu etwas Petplay, aber auf keinen Fall Schläge etc. Diese Aufzählung kann beliebig fortgesetzt werden.

Jeder Mensch hat eigene Vorlieben und diese können völlig unabhängig und selbständig neben anderen Vorlieben stehen. So ist es auch im BDSM. Wer zum Beispiel gerne Pizza isst, muss ja deswegen nicht auch zwangsläufig gerne Risotto und Pasta essen, nur weil es nach außen so gut zusammen zu passen scheint.

Manchmal mögen Menschen sogar Dinge die nach außen widersprüchlich scheinen. Also Praktiken, die Uneingeweihte gemeinhin unterschiedlichen Rollen zuordnen würde. Devote Menschen können beispielsweise auch eine sadistische Neigung haben. Nach außen scheint das nicht zusammen zu passen. Für den betroffenen Menschen ist es aber gelebte Empfindung.

Ich hatte in dem Zusammenhang BDSM schon einmal mit einem Setzkasten verglichen und habe damals geschrieben:

„Und wenn ihr einen Windelfetisch habt, gleichzeitig gerne vor Pferdekutschen gespannt werdet und es euch aber auch anmacht Leuten den Arsch zu versohlen… Wo ist das Problem? Damit macht ihr nichts falsch.“

Genau so ist es eben. Einzelne Vorlieben müssen für andere keinen Sinn ergeben oder in ein Muster passen, dass andere für schlüssig halten.

Kommen wir aber zur Frage, ob ein Dom sich dominieren lassen darf und warum das für manche ein Problem zu sein scheint. Denn dass ein Dom oder eine Domme das darf, sollte nach meinen Ausführungen eben klar sein.

So manchem Dom und mancher Domme (allerdings gefühlt mehr Männern als Frauen) scheint bei der Vorstellung aber irgendwie ein Zacken aus der Krone zu brechen. Dom/Domme als das unantastbare Wesen, dass sich natürlich nie in verletzliche oder gar unterwürfige Positionen begeben würde.

Was soll ich sagen? Wer keine Lust darauf hat, soll es lassen. Wer es aber irgendwie für unwürdig hält dominiert zu werden, sollte sich mal Gedanken über sein Bild des Spielpartners machen. Wer wiederum glaubt, dass er oder sie auf eine magische Weise an Dominanz verliert, wenn er oder sie mal dominiert wird… Puh, dann weiß ich ehrlich gesagt auch nicht.

Interessanterweise gefällt es aber auch devoten Spielpartner gelegentlich nicht sich vorzustellen, dass ihr Dom oder ihre Domme sich dominieren lässt. Das finde ich psychologisch spannend. Nüchtern betrachtet ist es natürlich Unsinn. Aber auf der anderen Seite mag oder kann man sich die Partnerperson, die im eigenen Spiel je nach Spielweise sehr hart, dominant, schroff oder ähnliches auftritt, eben nicht so gerne auf der anderen Seite vorstellen.

Das ist womöglich auch einer der Gründe, weshalb einige bei diesem Thema eher sparsam mit Informationen sind. Es kann die eigene Konstellation schon beeinflussen, wenn die Partnerperson, ich nenne es mal „verschieden gepolte BDSM-Neigungen“ hat und einige davon der anderen Person Unbehagen auslösen. Da hilft dann mal wieder nur offene Kommunikation.

Sicher ist aber auch dieser Rollenwechsel und diese Vorstellung des anderen in einer ganz anderen Position das Problem, wenn es darum geht, mit ein und demselben Partner die Rollen zu tauschen. In der oben genannten Konstellation, in der ein devoter Part sich seinen oder ihren dominanten Part nicht devot vorstellen mag, wäre das natürlich ein noch größeres Problem.

Darf eine Domme oder ein Dom sich also dominieren lassen, wenn sie oder er darauf Lust hat? Klar.

Heißt das, dass diejenige oder derjenige „gar nicht richtig dominant ist“? Nein, natürlich nicht.

Als wäre eine Frau die mal eine andere Frau küsst „gar nicht richtig hetero“ oder ein homosexueller Mann der mal eine Frau küsst „gar nicht richtig homo“. Total Quatsch und Schubladendenken, das niemanden weiterbringt.

Für manche mag es eine Entwicklung sein. Ich habe nicht selten Geschichten von Leuten gehört, die auf der devoten Seite „angefangen“ haben und sich dann langsam auf die dominanten Seite „hin entwickelt“ haben.

Bei wieder anderen ist es so, dass es einfach dem persönlichen Spieltrieb und der persönlichen Neugierde entspricht „auch mal die andere Seite zu erleben“. Das kann ich persönlich beispielsweise besonders gut nachvollziehen. Man möchte auch mal in der Rolle dessen sein, der geschehen lässt, statt immer aktiv zu sein. In diesen Fällen ist das dann oft einfach eine Abwechslung und ein besonderer Reiz.

Wieder andere leben es auch völlig gleichberechtigt und haben parallel einen devoten und einen dominanten Partner. Auch das ist möglich. Die Welt ist eben bunt und zum Glück leben wir in einer Zeit, in der es „nur“ etwas Mut braucht, um das auch mit Leben zu füllen.

BDSM lebt für mich von der Neugierde und dem Spieltrieb. Die wenigsten bleiben ein Leben lang bei der einen Sache, die sie vor Ewigkeiten mal ausprobiert haben. Die wenigsten Menschen hören ihr Leben lang ausschließlich die Musik einer Band, lesen nur die Bücher eines Autors oder schauen immer nur den einen, selben Film. Probiert gerne mal etwas Neues aus und habt keine Angst davor. Wenn es euch nicht gefällt, dann müsst ihr es ja nicht wiederholen.

Vor allem aber, lasst euch nicht von irgendwelchen imaginären, vorbestimmte Kombinationen sagen, was ihr mögen dürft und was nicht. Wenn ihr Pizza und Risotto mögt, aber keine Pasta und stattdessen Sommerrollen, dann ist das ok. Niemand hat euch da etwas vorzuschreiben oder euch gar zu erklären, euer Geschmack sei irgendwie verkehrt.

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