„SM Richter“

sm-richter-coverAuch wenn der Titel ein wenig danach klingt, es handelt sich hier nicht um einen Porno. Wer harte BDSM-Action in Großaufnahmen erwartet, der ist hier falsch.

Das heißt aber nicht, dass es in diesem Film soft zugeht. Im Gegenteil geht es sogar um sehr heftige Praktiken, die aber eben trotz der „ab 18„-Kennzeichnung nicht im Detail gezeigt werden.

Koen Allegaerdts (Gene Bervoets) und Magda De Herdt (Veerle Dobbelaere) sind seit 15 Jahren verheiratet. Er ist Richter, sie ist seit kurzem arbeitslos. Die Ehe steckt in einer Krise. Sexuell scheint Magda das Interesse verloren zu haben, außerdem ist sie in eine schwere Depression verfallen. Als sie Koen sagt, sie sollten sich besser scheiden lassen antwortet Koen, dass er sie nicht verlieren und alles tun will um die Ehe zu retten. Da traut sie sich endlich, sich zu offenbaren und gesteht ihm, dass sie seit Jahrzehnten SM-Fantasien von Schmerz und ausgeliefert sein hat.

Zögernd, da es nicht seiner Neigung entspricht, aber seiner Frau zuliebe, begeben beide sich in die Welt von BDSM. Über mehrere Jahre leben sie BDSM aus, entwickeln sich von Anfängern zu Experten und ihre Ehe blüht dadurch wieder auf. Irgendwann aber, wird es in Justizkreisen bekannt, was der Richter in seinem Privatleben tut. Der Justiz fallen privat gedrehte Videos in die Hände und Koen Allegaerdts wird wegen Zuhälterei und tätlichen Angriffs angeklagt. Denn dass eine Frau so etwas wollen könnte, können sich die Ermittler nicht vorstellen. Sie glauben es ihr selbst dann nicht, als sie es ihnen persönlich bestätigt.

Der Film hat mich gepackt und begeistert. Das kann ich wirklich sagen. Noch in keinem Film der BDSM thematisiert, habe ich eine so realistische Darstellung des Einstiegs in BDSM gesehen. Sie will unbedingt, er tut es ihr zuliebe. Anfangs geht einiges schief und sie gehen gemeinsam in einen Club um von erfahreneren BDSMern zu lernen. Das alles ist im besten Sinn unspektakulär und ohne falsche Scham oder Moral dargestellt, dass ich nur Beifall klatschen kann.

Da ihre Vorliebe eindeutig auf der masochistischen Seite liegt und er die Techniken lernt, die sie will und braucht, funktioniert es zwischen den beiden wieder wunderbar und sie haben in der Folge auch wieder Sex. So werden auch seine Bedürfnisse gestillt.

Wie weit ihr Bedürfnis nach Schmerz geht, erfahren wir Zuschauer erst im Laufe der Gerichtsverhandlung, als Themen wie Nadelspiele, Branding und vernähen der Schamlippen zur Sprache kommen.

Einmal musste ich sogar lachen, als ein überforderter Koen zu Beginn seinen Freund fragt „Was ist das extremste was deine Frau je von dir wollte?“ und der antwortet: „Einen neuen BMW.“.

Aber abgesehen davon erzählt der Film eine tolle Geschichte eines Mannes, der für seine Frau eine Sexpraktik erlernt, die nicht seiner Neigung entspricht. Wie mehrfach geschrieben bin ich überzeigt, dass das im D/s-Bereich nicht wirklich möglich ist. Hier geht es aber tatsächlich um den SM-Bereich und diese Techniken eignet er sich offenbar sehr gut an.

Vor allem geht es aber in diesem Film natürlich darum, dass ein Mann angeklagt und verurteilt wird, weil er privat BDSM praktiziert. Erschreckenderweise basiert der Film dabei auch noch auf einer wahren Begebenheit. 1997 musste sich der Richter Koen Aurosseau vor Gericht verantworten und wurde schuldig gesprochen. Wie auch im Film wurde seine Frau nicht angeklagt. Sie wurde als Opfer gesehen. Der Schuldspruch erfolgte, obwohl seine Frau aussagte, dass alles auf ihr Verlangen hin geschehen war.

Ergänzend muss man erklären, dass der Fall genau in die Zeit fällt, in der in Belgien geradezu eine Hysterie wegen des Falles Marc Dutroux herrschte. Dutroux hatte mehrere Kinder gefangen gehalten, missbraucht und ermordet. Es gab Gerüchte über Verbindungen bis in Justiz und Politik. Bewiesen wurde dass nie. Diese Stimmung damals hatte sicher Einfluss darauf, wie ein Ehepaar gesehen wurde, dass extremere SM-Praktiken ausgeübt hat.

Es bleibt zu hoffen, dass wir heute weiter sind. Im Film wird an einer Stelle die Frage gestellt wieso wir Homosexualität heute als Neigung akzeptieren, BDSM als Neigung aber nicht im selben Maße öffentlich akzeptiert ist. Eine Frage, die es zu beantworten gilt.

Ich kann den Film nur absolut empfehlen. Er ist bei verschiedenen Diensten als Stream verfügbar und kann als DVD gekauft werden.

Er lohnt sich sowohl als Blick in eine BDSM-Beziehung als auch als Drama um eine Familie und eine fehlgeleitete Justiz. Der Film zeigt Haltung und ist nie voyeuristisch. Dennoch regt er die Fantasie an und zeigt trotz der extremen Praktiken eine gesunde BDSM-Beziehung die beide glücklich macht. Dass alleine wird ja schon viel zu selten gezeigt.

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