Vanillaschübe im BDSM

Im Leben gibt es viele Phasen in denen BDSM in den Hintergrund rücken kann. Seien es Beziehungen in denen der Partner nicht auf BDSM steht oder gesundheitliche Probleme. Seien es persönliche Krisen, berufliche Probleme oder andere Gründe.

Dann kann es eben passieren, dass man für längere Zeit keine Lust auf BDSM hat. Oft einfach deswegen, weil der Kopf nicht frei dafür ist. Und BDSM geht eben sehr viel (wenn nicht alles) über den Kopf.

In Beziehungen verzichten manche freiwillig und andere unfreiwillig auf BDSM. Manche haben Partner, die die Neigung schlicht nicht teilen. Bei anderen war BDSM Teil des Beziehung und ist dann „eingeschlafen“.

So etwas bezeichne ich für mich als „Vanillaschub“ oder „Vanillaphasen“ (wobei ich nicht beanspruche den Begriff erfunden zu haben). Zur Erklärung für die, die den Begriff nicht kennen: Vanilla bezeichnet in der BDSM-Szene alle, die „normalen“ Sex haben und nicht BDSM leben.

Während dieser „Vanillaschübe“ oder „Vanillaphasen“ lebt man also BDSM nicht aus. Aber, man verliert ja die Neigung nicht. Daher ist es ja nur eine Phase oder ein Schub. Es ist etwas zeitweiliges. Andere Dinge sind in dieser Zeit wichtiger, fordern mehr Energie oder Aufmerksamkeit und man kann sich seiner Neigung nicht widmen. Aber nie Neigung bleibt.

Sicher kennt jeder in einer langen „Karriere“ als BDSMer diese Phasen im Leben. Mal steht die Neigung sehr im Vordergrund der Interessen und dann wieder, rückt sie in den Hintergrund.

Das ist völlig OK. Prioritäten sind in verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich. Das ist eben so. Manchmal braucht man seine Energie für andere Dinge.

Allerdings ist es meiner Erfahrung nach extrem wichtig auch bei sich zu bleiben. Verleugnet man die Neigung völlig, denkt womöglich, man „brauche das“ nicht mehr, dann tut man sich selber nicht gut.

Meiner Erfahrung nach ist das bei den wenigsten Leuten der Fall. Eine sexuelle Neigung verändert sich nicht so leicht und dass sie sich völlig verflüchtigt, ist noch unwahrscheinlicher.

Ich selber war in einer Beziehung, die mit BDSM anfing und wo sich dieser Aspekt dann schnell und für immer verflüchtigt hat. Dass es für immer war wusste in dem Moment natürlich keiner von uns. Und eine Zeit lang habe ich mir BDSM dann ganz verboten. Ich habe bewusst nicht daran gedacht, sofern so etwas überhaupt möglich ist.

BDSM rückte sehr weit weg von mir oder ich sehr weit weg von BDSM. Irgendwie schien das ok. Es gab andere Dinge. Aber die Beziehung lief mit der Zeit immer schlechter, wurde immer unbefriedigender für beide und wir beendeten sie nach mehreren Jahren.

Als ich dann wieder anfing mich umso intensiver mit BDSM zu beschäftigen, merkte ich, wie sehr ich mich quasi selbst verleugnet hatte. Ich realisierte erst da richtig, wie sehr es mir vorher gefehlt hatte und wie sehr ich einen integralen Teil von mir selbst unterdrückt hatte. Dass sich das negativ auf mein direktes Umfeld und auch auf meine Beziehung ausgewirkt hat ist mir heute völlig klar. Damals habe ich es nicht bemerkt.

Was ich mit diesem persönlichen Einblick sagen möchte ist folgendes: Ja, es gibt Phasen in denen BDSM zur Nebensache wird. Das ist ok. Das kommt vor. Aber das darf nicht dazu führen, dass man sich selber verleugnet und seine Gefühle und Bedürfnisse unterdrückt.

Eine Weile mag das gut gehen, aber am Ende schadet man damit sich und denen, die man liebt. So ist es mir gegangen und ich weiß von anderen geliebten Menschen, wie ihre Ausgeglichenheit und Erfüllung in BDSM auch dem Familienleben geholfen haben. Denn wer in sich ruht und glücklich ist, der kann auch besser für andere da sein und seine Pflichten erfüllen.

In diesem Sinne, verleugnet euch nicht und vergesst auch in Phasen von Krisen und Stress nicht auf eure eigenen Bedürfnisse zu achten.

14 Gedanken zu “Vanillaschübe im BDSM

  1. Hallo Eisbär,

    danke für deinen Beitrag, sehr gut und anschaulich und vor allem für mich nachvollziehbar.
    Kann ich auch selbst gut nachempfinden…

    Schade, wenn sich das so eintwickelt.

    Lieber Gruß

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  2. Nein, nein. Keine Sorge. Dass *du* niemanden verhöhnen möchtest, kommt glasklar an- (!)

    Ich las bloß den Artikel, verfluchte mehrmals den schlichtweg nicht vorhandenen Tagesrhythmus in Herrn Carax‘ und meinem eigenen Leben und dachte: „Warum, Universum, WARUM?!“ 😅

    Jegliche Gefühle unguter Art wurden also, wenn überhaupt, von der Gastrononie ausgelöst- 😉

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    • Guten Morgen! 😊

      Jetzt nochmal in Ruhe und konkreter. Weil es *das Internet* ist, kommen feine sprachliche Nuancen, Selbstironie und Humor leider nicht immer an wie gewollt. Ich habe das gestern durch deine Reaktion gemerkt, mit dem: „Ich möchte mit meinem Artikel niemanden verhöhnen…!“

      Dummerweise hatte ich genau dann nur noch zwei Restminuten Pause und konnte nicht angemessen darauf eingehen, bis auf das rasche (sinngemäße): „Ich habe ich mich mit keiner Faser meines Körpers *von dir als Person* verhöhnt gefühlt!“

      Du musst dir einfach vorstellen, dass Herr Carax und ich keine. drei. Stunden. vor dem Erscheinen deines Blogeintrags *DIE* Unterhaltung hatten.

      Weshalb wir momentan zu nix kommen.
      Weshalb uns momentan beiden etwas fehlt (= „Vanilla-Phase“).

      Dabei ist es irgendwie schon logisch, und ich sage das zerknirscht, dass keiner von uns nach der x-ten 12-Stunden-Schicht mit Feierabend um 04:45+ noch groß Kraft hat, um auszuteilen oder einzustecken- 😇 Auch, dass Herr Carax (als umsichtiger, verantwortungsbewusster Mensch) nicht möchte, dass ich „in solchen Zeiten hinter der Theke stehe und Blut verliere“-

      Wir sehen all die Gründe und hoffen auf baldige Besserung.

      Und dann steht also keine. drei. Stunden. später dein Artikel mit *exakt* dieser Thematik im Reader… Was mir eben vorkam wie blanker Hohn. Des Universums! Nicht des Autors. 😅

      Den Artikel AN SICH finde ich – so wie meine Vorredner – sehr informativ, nachvollziehbar und hilfreich- Besonders den Rat, sich „nicht zu verleugnen“ halte ich für unglaublich wichtig- (!)

      So. Längster Kommentar der Welt… Einen schönen Samstag wünsche ich dir noch!

      VVN 😊

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  3. Liebe eisbaer. Du hast das so wunderschön beschrieben. Ich bin leider selbst in so einer Periode wo mein Partner überhaupt keine Lust zur bdsm hat, und mir fehlt es so sehr. Ich weis aber auch das bdsm einen Überschuss braucht und das solche Perioden vorkommt.
    Lg. The Keeper

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  4. Hallo,

    Ich lebe in einer 24/7 TPE Beziehung, daher gibt es niemals Vanillaphasen oder Pausen, sonst würde ich ja eine Pause von meiner Beziehung nehmen. Unser BDSM dreht sich nicht nur um Sessions und Sex. Ich habe meinen Herrn als Herrn angenommen und das wird er immer bleiben. Wenn er krank ist, unterstütze ich ihn ganz besonders und versorge mich selbst gut, damit er weniger Sorgen hat. Wenn es sonstige Probleme gibt, dann lösen wir diese. Wie andere Paare auch. Es gibt immer feste Regeln, wenn er nicht da sein kann oder sich um andere Dinge kümmern muss.

    Wenn ich meine Pflichten/Aufgaben nicht erfüllen kann, weil es mir zu schlecht geht (z.B. aufgrund psychischer Erkrankung), dann darf ich das auch offen sagen ohne, dass sich irgendetwas am Beziehungsmodell ändert oder mein Herr mich dafür bestraft. Es gehört zum Leben, dass man nicht immer alles leisten kann oder Probleme auftauchen. Das ändert aber nichts daran, dass er mein Herr ist und ich seine sklavin bin.

    Und meiner Ansicht nach ist „vanilla“ auch nicht auf Sex bezogen, sondern bezeichnet einen allgemeinen Beziehungstyp, den sich Menschen unter einer normalen Beziehung zwischen zwei Menschen vorstellen. Der wäre z. B. ohne Machtgefälle.
    Man kann auch „normalen“ Sex in einer BDSM Beziehung haben, ohne, dass man vanilla ist.

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    • Liebe Hatschipu,
      das hört sich bei dir nach einer wirklich liebevollen 24/7 Beziehung an. So, wie es sein sollte. Schön zu erfahren, dass es so etwas auch gibt. Ein Träumchen für einen Neuling wie mich. Viel Glück euch beiden weiterhin…

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