BDSM ist krank!

„Das ist ja widerlich.“, „Nur Perverse mögen sowas.“, „Du solltest zum Arzt gehen.“ usw.

Nicht wenige von uns haben das schon gehört. Und die meisten wissen sicher, dass das Quatsch ist. Aber dennoch leiden viel zu viele Leute unter solchen Vorwürfen.

Fangen wir mal vorne an. BDSM ist natürlich eine Abweichung von der Norm. Das sei zugestanden. Aber was soll’s? Rote Haare und Linkshänder sind auch eine Abweichung von der Norm. Und alle drei Dinge sucht man sich meistens nicht aus. Denn: BDSM ist eine sexuelle Neigung. Was einen sexuell anmacht, kann man sich selten aussuchen.

Und was bedeutet schon „Norm“? Es gibt den schönen Spruch „Esst mehr Scheiße, Millionen Fliegen können nicht irren!“ Und da ist einiges dran. Denn nur weil viele Leute etwas mögen, ist es dadurch nicht besser als Dinge, die nur wenige Leute mögen.

Dann heißt es oft „BDSM ist pervers!“ Ja, ok. Per Definition ist es das. Dann sage ich: willkommen bei den Perversen. Denn auch pervers heißt ja erst einmal nur: abweichend von der Norm. Das hatten wir also schon.

Fakt ist auch, dass der Sadomasochismus im ICD-10 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) gelistet ist. Unter dem Schlüssel F.65.5 wird er dort aufgeführt. In dieser Klassifikation tauchen aber auch unter J.01.0 die Nasennebenhöhlenentzündung und unter  F.10.0 der Alkoholrausch auf.

Im ICD-11, der neuen Version dieser Klassifikation die gerade erarbeitet wird, wird Sadomasochismus vermutlich gar nicht auf auftauchen. Genauso wie andere einvernehmliche Praktiken sollen sie aus dieser Liste ganz gestrichen werden (Quelle: Wikipedia).

Alles in allem also wirklich nichts, durch das man sich um den Schlaf bringen lassen sollte. Im Gegenteil. Ich zitiere hier noch einmal Wikipedia „Im Rahmen der sexualmedizinischen Diagnostik oder der Psychoanalyse wird Sadomasochismus dann als behandlungsbedürftig verstanden, wenn andere beeinträchtigt oder geschädigt werden, die sexuelle Befriedigung ohne sadomasochistische Praktiken erschwert ist oder unmöglich erscheint und bei dem Betroffenen dadurch ein entsprechender Leidensdruck entsteht.“

Also kurz zusammengefasst: BDSM ist nicht die Norm. BDSM ist aber auch keine Störung, wegen der man zum Arzt muss. Es sei denn, man hat selber einen Leidensdruck dadurch, oder andere werden geschädigt. Das ist etwas, das ich unterschreiben würde.

Aber dennoch sieht man sich ja von anderen immer wieder mit den oben genannten Vorwürfen konfrontiert. Die kommen aber meist einfach aus der Ecke, dass eben Dinge, die nicht der Norm oder schlicht nicht dem eigenen Empfinden entsprechen, als „krank“ abgestempelt werden.

Das ist aber schlicht dumm und kommt aus der ganz dunklen Ecke der Vorurteile. Ich selber bin kein Fan von Andreas Gabalier oder von Mallorca-Party-Musik. Aber deswegen qualifiziere ich ja nicht jeden, der das mag, als „krank“ ab. Es gibt einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung, der das mag. Damit muss ich leben. Es gibt aber auch einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung, der BDSM mag. Damit müssen die anderen dann eben auch leben.

Mein Rat an alle, die diese Neigung haben und sich solchen Vorwürfen gegenüber sehen: steht vor euch selber dazu, dass es ok ist, BDSM zu mögen. Das ist es nämlich. BDSM ist wie jede andere Sexpraktik ok, so lange man niemand anderem damit schadet.

Und wenn ihr vor euch selber dazu stehen könnt, dann entwickelt ihr auch die Gelassenheit, diese Anfeindungen an euch abprallen zu lassen. Vielleicht sogar, ihnen offensiv zu begegnen. Das kann aber auch jeder so halten, wie er sich gut damit fühlt.

Dieser Artikel dient explizit dazu, denen Mut zu machen, denen andere Menschen erklären wollen, was ok ist und was nicht. Denen andere erklären wollen, welche sexuellen Neigungen akzeptabel sind und welche nicht. Diese Art von Bevormundung sollten wir nämlich längst überwunden haben.

Jeder darf den Sex haben, der ihm gefällt, so lange er keinem anderen damit schadet.

Und noch ein Satz, den ich schon öfter zitiert habe, aber sehr mag: Pervers ist man erst, wenn man keinen mehr findet, der mitmacht.

Was ich also eindeutig sagen will: nur weil man BDSM mag, ist man noch lange nicht krank. Was ich mit diesem Text NICHT sagen will ist, dass es nicht Menschen gibt, die BDSM mögen und die krank sind.

Dieser Umkehrschluss wäre völlig verkehrt. Natürlich gibt es die. Die gibt es so, wie es sie in jeder gesellschaftlichen Gruppe gibt. Genauso wie es unter Fußballfans beispielsweise Spinner gibt, nette Menschen, Arschlöcher usw. Genauso verhält es sich beim BDSM. Ich würde mal sagen, da sind wir Perversen auch nur ein Spiegel der Gesellschaft.

Geht mit offenen Augen durch die BDSM-Welt. Prüft, auf wen ihr euch einlasst und seid nicht leichtsinnig. Aber lasst euch also nichts einreden von Leuten, die keine Ahnung haben und die es im Zweifelsfall schon für pervers halten, wenn man beim Sex das Licht anlässt.

14 Gedanken zu “BDSM ist krank!

  1. Warum wird so darüber gesprochen? Es gibt keinen Diskussionsbedarf. Es gibt keinen Standard! BDSM muss man nur einmal aussprechen, dann erklärt sich einiges, wir lieben es! Nennen es aber ganz anders, es ist Leben.

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  2. Ein feiner Beitrag, dem man jedem Dummkopf zum Lesen geben sollte. Nur, leider werden die Dummköpfe danach nicht weniger. Einvernehmlicher BDSM ist purer Sex und sonst nichts. Ohne Einvernehmlichkeit ist alles eine Srraftat.

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  3. Also, mal ehrlich…. Wenn zu mir jemand was sagen würde, bekäme er eh nur eine kackfreche Antwort. Und ja, ich geh da relativ offen mit um. Ich trage auch permanent mein Halsband (außer zum schlafen) und wenn jemand fragt was es bedeutet, dann sage ich das.
    Unsere so tolerante Gesellschaft kann damit noch nicht umgehen.

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    • Umso besser für dich. Aber es sind ja nicht alle so offen und selbstbewusst. Manche möchten auch gar nicht so offen sein. Wichtig ist eben nur, dass man mit sich selber im Reinen ist und dass man sich wehren kann, falls man so angegangen wird.

      Gefällt 3 Personen

  4. […] BDSM ist eine Neigung. Meiner Erfahrung nach entscheidet man sich nicht auf BDSM zu stehen. Ebenso wenig wie man sich entscheidet homosexuell zu sein. Das ist für mich schon einmal ein Punkt, weshalb es Unsinn ist jemandem BDSM ausreden oder verbieten zu wollen. Früher wurden auch Homosexuelle als krank bezeichnet. Das ist heute zum Glück nicht mehr so. Und auch die BDSM-Neigung ist nicht krank. […]

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